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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:56

David Almond: Mina

30.05.2011

Was Wörter können

In der Welt der Wörter heißt sprachlos sein, hilflos sein. Wehe dem, dem die Worte fehlen! Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, dass einen die Wörter überschwemmen und man doch die richtigen darunter nicht findet. Wer sich zu helfen weiß, schafft flugs neue Wörter oder setzt bekannte neu zusammen. Wer Wörter regieren lässt, kann unter Umständen in bösen Patschen landen. Wer jedoch Wörter tanzen lassen kann, kann sein Glück finden. Wie David Almonds Mina. Von MAGALI HEISSLER

 

Mina ist ungefähr neun und eigentlich ist sie unglücklich. Zugleich hat sie die Fähigkeit, in allem das Schöne zu entdecken. Sie ist ungeheuer neugierig auf das Leben, am liebsten sitzt sie draußen im Garten in ihrem Lieblingsbaum und denkt nach. Sie denkt über alles nach, was ihr in den Kopf kommt. Den Garten und den Himmel, die Vögel und den Mond. Über Archäopterixe und Pneumatisation. Mina liebt seltsame Wörter. Wenn sie ihr nicht merkwürdig genug sind, erfindet sie neue. Nonsensisch etwa, für alles, was Unsinn ist, oder Emselem und Heddediduddel. Über die Schule denkt Mina weniger gern nach. Die Schule ist ein Ort, der sie unweigerlich in Schwierigkeiten bringt. Die Lehrerin hat keinen Sinn für Heddediduddel, schon gar nicht, wenn ein ganzer Aufsatz aus erfundenen Wörtern besteht, und was den Schulleiter angeht, so kann es auf der ganzen Welt nicht genug Wörter geben, um ihm zu erklären, warum Mina tut, was sie tut, weil eine Mina in seiner Welt einfach nicht existiert.

 

Mina ist erleichtert, als sie aus der Schule ausgeschlossen wird. Um dorthin zugehören, müsste sie eine Antimerkwürdigkeitsoperation an sich vornehmen lassen und das ist ausgeschlossen! In die Förderschule für psychisch angeschlagene Kinder aber gehört sie auch nicht, wie sie schon am ersten Tag feststellt. Mina muss sich entscheiden, inwieweit sie zulässt, dass ihre Merkwürdigkeit sie immer weiter von anderen fortträgt, oder ob sie bereit ist, die Welt und die Weltsicht anderer zu ertragen. Das wiederum heißt, dass sie sich dem großen Unglück ihres Lebens stellen muss, dem frühen Tod ihres Vaters. Mina stellt fest, dass die einfachsten Worte manchmal am schwierigsten zu sagen sind.

 

Ein seltsames Mädchen

Es sei gleich gesagt: Mina ist ein sehr seltsames Mädchen, kindlich und frühreif, übermäßig sensibel, in hohem Maß denk- und sprachbegabt. Sie hat ein feines Ohr für Töne und eine Begabung für ihre Wiedergabe im geschriebenen Wort. Geht es ums Schreiben, ist Mina nichts heilig. Sie experimentiert mit allem, mit Wörtern, mit Silben, mit der Grammatik, sogar mit oben und unten. All das ist auf den Seiten dieses Buchs wiedergegeben, fett gedruckte Buchstaben, winzig kleine Wörter, riesige Aufforderungen, Geschichten in unterschiedlicher Typographie bis hin zu einer ganz leeren Seite, der Geschichte ohne Worte nämlich. Mina tut, was Menschen tun, deren Talent das Schreiben ist. Sie gestaltet die Welt. Ihre Welt. Diese Welt hütet sie eifersüchtig, nicht nur in ihrem Stolz als Schöpferin, sondern auch als Schutzraum. Wie so oft, wenn einem nichts heilig ist, trügt der Schein. Tatsächlich sind Wörter das wichtigste für Mina. Deswegen beschäftigt sie sich unablässig mit ihnen. Eben weil sie ihr in Wahrheit soviel wert sind, aber verfällt sie ihrer Macht.

 

Almond hat mit seiner ungewöhnlichen Hauptfigur überzeugend die Gestalt eines Kindes geschaffen, das den einige Jahre zurückliegenden Tod eines Elternteils nicht überwunden hat und unverändert trauert. Minas Trauer sitzt so tief, dass sie durch ihr ureigenes Heilmittel, die Wörter, nicht recht erreicht werden kann. Inzwischen hat die Traurigkeit begonnen, sich gegen Mina zu wenden. Die Wörter, die retten und heilen können, wendet Mina an, um sich vor anderen zu verschanzen. Sie verführen sie nur zum Aufstand, ohne das Gefühl für das rechte Maß.

 

Mit aller Macht aus dem Vollen geschöpft

David Almond schöpft in seinem jüngsten Kinderbuch aus dem Vollen seiner eigenen Erfahrungen. Wie er liebt seine kindliche Protagonistin William Blake, ihre Erfahrungen mit dem Schreiben und mit Menschen, die schreiben, sind deutlich Erfahrungen aus dem Leben von Schriftstellerinnen und Schriftstellern. In gewissem Maß ist Mina ein Buch über das Schreiben.

 

Minas Verhalten in der Schule und die Reaktion ihrer Lehrerinnen und Lehrer verrät ebenso deutlich den Lehrer mit liberal-progressiven Ideen, der der Autor offenbar ebenfalls ist. Deutlich wird auch der klassische Bildungskanon, einschließlich gängigen philosophischen Gedankenguts vom klassischen Griechenland bis hin zu abendländisch-christlichen Einflüssen, Blakes Naturmystik inklusive. Das ist anregend, auch anspruchsvoll, aber letztlich gut verdaulich und trotz Minas unbestreitbarem Rebellinnenanspruch weit entfernt von allem, was die Grundfesten eines bürgerlichen Kinderzimmers auch nur leicht erschüttern könnte. Thematisch gesehen ist sie schließlich überfrachtet. Naturmystik, Leben, Tod, Auferstehung, Bildung, Kinder mit psychischen Problemen und Problemfamilien, reißen das Grundkonzept weit auf. Die Schreibübungen führen sehr weit, ebenso die Ausflüge in Kunst und Kultur. Durfte Mina zuerst noch selbst bestimmen, was sie wissen wollte, wird sie am Ende statt in den kleinen beschränkten Kanon der Schule einfach in den großen allgemeinen Bildungskanon eingeführt. So etwas erfreut wohl eher die Eltern als die kindlichen Leserinnen.

 

Mit leichtem Anstoßen schafft es der Autor dann doch noch in die Zielgerade. Am Ende streckt Mina die Hände aus nach anderen, versöhnt mit ihrem Schicksal. Auch die Leserinnen werden versöhnt sein. Sie haben dann doch noch eine schöne Geschichte bekommen.

 

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