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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:56

Hildegard Müller: Der Cowboy

06.06.2011

Alles Machos?

Wir lernen schon früh, Menschen nach Äußerlichkeiten zu beurteilen und in Schubladen zu stecken. Jungs wissen, das Mädchen mit Kleidchen und Kuscheltier zickig sind und Mädchen denken, dass Jungs mit Cowboyhut und Lasso Angeber sein müssen. Alles klar! ANDREA WANNER grinst über ein Spiel mit Klischees für die Jüngsten.

 

Anna fährt mit ihren Eltern in den Urlaub. Toto darf auch mit. Toto ist Annas Hund, weiß mit schwarzen Punkten. Und auf ein Brettchen mit Rädern montiert, aber so wie Anna von Toto erzählt, käme man nie auf die Idee, dass er kein lebendiger Hund ist. Ja, Anna erzählt. Von Toto, vom Strand, vom Schwimmunterricht, den Toto bekommt und von dem Jungen am Strand in einem alten Liegestuhl, der einen "ganz blöden Cowboyhut" hat. Außer Hut sieht man nicht viel von dem Jungen. Anna registriert ihnim Vorbeigehen, genervt, abwertend. Und dann konzentriert sie sich nur noch auf Toto.

 

Die Katastrophe

Hildegard Müller lässt Anna die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählen. Leuchtend bunte Bilder mit stark konturierten Figuren zeigen, was Anna erlebt. Ihre Kommentare, nur wenige Sätze, die direkt aus dem Mund eines kleinen Mädchens stammen könnten, begleiten die Szenen. Die Schriftgröße variiert, gelegentlich auch die Farbe und manchmal schlängeln sich die Wörter in Bögen über die Seite. Anna in ihrer Lebhaftigkeit und kindlichen Naivität berichtet ohne Distanz von dem, was passiert. Und es ist furchtbar!

 

Zunächst klappt alles prima. Der Plan, Toto das Schwimmen beizubringen, klappt hervorragend. Toto auf seinem Holzbrettchen mit dem rot-weißen Halstuch wirkt wie ein tollkühner Surfer. Aber dann reißt ihn eine hohe Welle aufs offene Meer hinaus. Annas Warnrufe nützen nichts. Toto scheint verloren, Anna heult, am Strand laufen die Menschen zusammen, allesamt ratlos.

 

Die Rettung

Es kommt, wie es kommen muss. Der Junge, mit dem grässlichen Cowboyhut naht. Seine Frage "Gibt's ein Problem?" klingt lässig, cowboymäßig - und irgendwie ziemlich blöd angesichts der dramatischen Lage. Anna erklärt ihm, was los ist. "Kein Problem!" ist seine obercoole Antwort. Und tatsächlich löst der die Sache mit Geschick: ausgerechnet mit dem Lasso, das sein Cowboyoutfit mit dem blöden Hut vervollständigt.

 

Armes kleines Mädchen, toller Junge? Mit einem winzigen Dialog bricht Hildegard Müller die Situation auf, wischt alle Rollenklischees beiseite und zeigt, wie es auch ganz anders geht. Toto ist gerettet, der Junge, der namenlos und ohne Gesicht bleibt, weil sein Cowboyhut uns jeden Blick verwehrt, ein Held. Aber einer von der Sorte, von der man sich als Mädchen noch viel mehr wünschen darf.

 

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