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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:59

 

Doris Meissner-Johannknecht: Die große Chance / ab 14

25.03.2004

 



Doris Meißner-Johannknecht wagt mit ihrem neuen Jugendroman eine explosive Mischung aus Thriller und Märchen.




 

Denn Das neue Leben des Jonny W. liest sich tatsächlich wie ein Märchen. Grade noch stand er bei Regen mit abgerissenen Klamotten draußen und bettelte sich ein paar Euro für die nächste Mahlzeit zusammen und im nächsten Moment wird er im edlen Heim des Herrn von Probst mit Köstlichkeiten verwöhnt und wäscht sich in der Marmorwanne den Dreck vom Körper. Drei Wochen später ist das Haus seine offizielle, vom Jugendamt genehmigte Adresse. Jonny hat das Dasein auf der Straße gegen ein neues Leben eingetauscht. Die große Chance, die der freundliche aber undurchsichtige Herr von Probst Jonny bietet, ist großartig: ein eigenes Zimmer, gesundes Essen, Computer, Fernseher, Fitnessraum im Keller, die Aussicht auf einen Schulabschluss. Abitur, stellt sich von Probst vor und ist auch bereit, Jonny durch Nachhilfe zu unterstützen.

Die Gegenleistung? Jonny, der schon Schlimmstes befürchtete, hat nichts anderes zu tun, als sich an den Lebensstil seines Retters anzupassen. Jonny ist total arglos. Selbst noch als er geheime Aufträge ausführen muss: Briefe, die er per Bahn an fremde Orte transportiert und wortlos übergibt. Er ahnt nicht, warum der Hund seines Gastgebers ausgerechnet Wotan heißt und das CD-Regal nur Wagner beherbergt. Aufmerksame Leser lassen die Werte, die von Probst hoch hält, längst hellhörig werden: "Sauberkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit." Irgendwie ist das nicht ganz geheuer. Der naive Jonny hat ein Schlüsselerlebnis nach dem anderen, aber es braucht die Liebe zu Lea, einer politisch engagierten Schülerin, um ihm die Augen zu öffnen. Und Jonny trifft eine überraschende Entscheidung.

Zugegeben, die Autorin hat ein bisschen viel in ihre Story gepackt. Ob das Ganze psychologisch überzeugend ist - vor allem das Verhalten von Jonnys Wohltäter - ist eine Frage für sich. Trotzdem liest sich Jonnys in Tagebuchform abgefasster Bericht einfach spannend. Seite um Seite fragt man sich, ob das gut gehen kann. Wenn Jonny im Gefängnis sitzt, weil er angeblich einen türkischen Jungen vor die S-Bahn gestoßen hat, oder wenn ein paar alte Kumpels aus Jonnys Zeit auf der Straße als seine Gäste den Weinkeller seines neuen Heims plündern, in den Marmorbädern eine Badeorgie starten und die Küche verwüsten, wartet man auf den großen Knall. Wo das alles enden soll? Irgendwann hat es die Autorin wohl selbst nicht mehr genau gewusst und so lässt sie dem Leser die Wahl zwischen Finale eins, zwei und drei. Aber bis dahin hat man 140 Seiten spannendes Leseabenteuer vor sich und die Frage, ob man sich nicht auf jeden Fall mit Politik auseinandersetzen sollte.

Andrea Wanner


Doris Meißner-Johannknecht: Die große Chance
- Das neue Leben des Jonny W.
Ueberreuter 2003. Gebunden. 144 Seiten.
Ab 14 Jahren. 12,90 ¤.
ISBN: 3-8000-2084-X

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