Dina weiß schon genau, dass sie später einmal eine berühmte Schauspielerin werden möchte. Ganz unrealistisch sind ihre Vorstellungen nicht, denn schließlich besucht ihre große Schwester bereits die Schauspielschule. Von daher weiß Dina auch, dass eine bestandene Aufnahmeprüfung Voraussetzung für so eine Schule ist und da muss man dann so merkwürdige Dinge darstellen wie eine Birne oder einen traurigen Briefumschlag. Und dann sieht Dina ihre große Chance gekommen. Für die Fünfhundertjahrfeier werden Schauspieler gesucht, die die Geschichte des Dorfes nachspielen. Die Hauptrolle soll ein Kind spielen und Dina ist sich sicher, dass sie für diese Rolle wie geschaffen ist. Aber leider glauben das auch ein ganze Menge anderer Mädchen. Zwar gibt es auch noch einige Nebenrollen, aber erklärtes Ziel ist die Hauptrolle. Schließlich darf Dina wie die übrigen vorsprechen:
"Mutter, darf ich noch eine Scheibe Brot haben?", lese ich.
"Nein!" ruft die Frau hinterm Tisch.
Ich kriege so einen Schreck, dass mir das Blatt runterfällt.
Ich hebe das Blatt auf und warte.
"Worauf wartest du?", fragt die Frau.
"Sie haben nein gesagt."
"Ich habe nein gelesen", sagt die Frau ungeduldig. "Ich lese die Mutter und du liest Iris. Klar?"
Ich merke, wie mir das Blut in den Kopf schießt. Meine Ohren glühen.
"Aber ich habe noch so einen Hunger von dem langen Arbeitstag!" lese ich mit Zitterstimme.
"Dein Vater arbeitet schon seit über dreißig Jahren und der isst auch nur eine Scheibe Brot, also halt du den Mund, Iris!"
"Mama, warum geht die Tochter von Herrn Verbiest nicht arbeiten wie alle anderen Kinder?"
"Das reicht", sagt die Frau.
Ich denke: entweder hat sie sofort gehört, dass ich gut bin, oder sie hat sofort gehört, dass ich schlecht bin. An ihrem Gesicht kann man jedenfalls nichts sehen.
Es kommt wie es kommen muss: Hauptrolle ade, sieben Sätze sind alles, was Dina auf der Bühne sagen darf. Nein, eine Kleinigkeit kommt noch dazu: Sieben Sätze und ein Kuss. Das macht die Sache nicht einfacher, denn küssen soll sie ausgerechnet den Mädchenschwarm Martin.
Locker und einfühlsam lässt Do van Ranst ihre kleine Heldin träumen, schwärmen, Zukunftspläne entwickeln und bodenlos enttäuscht und traurig sein. Ob es darum geht, was man zum Vorsprechen anzieht oder wie man richtig küsst: die Beobachtungen sind detailgenau und oft sehr witzig. Dabei wirft man einen Blick hinter die Kulissen des Theaters und merkt schnell, dass Schauspieler einen ziemlich anstrengenden Beruf haben. Sieben Sätze und ein Kuss sind immerhin ein Anfang. Und Dina hat vor, daraus etwas ganz Besonderes zu machen.
Andrea Wanner
Do van Ranst: Sieben Sätze und ein Kuss.Deutsch von Sylke Hachmeister.
Zeichnungen von Barbara Scholz.
Oetinger 2003. Gebunden. 96 Seiten.
Ab 10 Jahren. 8,50 ¤.
ISBN: 3-7891-4608-0