15 Jahre alt sind die Schüler der Klasse, in denen Vanessa, verwöhnte Tochter reicher Eltern, sich zur Wortführerin einer Mädchenclique gemacht hat. Vanessa sieht gut aus, hat Stil und weiß es geschickt, andere für sich einzunehmen. Zum Eklat kommt es, als die neue Kunstlehrerin Vanessas Talent nicht zu würdigen weiß und stattdessen die düsteren Bilder der Außenseiterin Erin über den grünen Klee lobt. Die duckmäuserische, unscheinbare Erin wird von da an ohne Unterbrechung von der Clique gehänselt und schikaniert, bis Vanessa schließlich einen Plan hat, wie sie mit Hilfe von Erin die ungeliebte Lehrerin loswerden kann.
Beobachtet wird das bedrückende Szenarium aus der Perspektive von Jula, einem Mädchen, das sich eigentlich immer rausgehalten hat. Nicht ohne Selbstbewusstsein scheint sie ihren Platz auch außerhalb der Cliquen gefunden zu haben. Aber auch ihr schmeichelt es, als sie von Vanessa plötzlich hofiert wird. Die Sache mit Erin irritiert sie und sie würde sich gern raushalten, schafft es aber nicht. Jula muss mit ansehen, wie die Geschichte außer Kontrolle gerät.
Martina Dierks überzeugt mit einer vielschichtigen Story. Keines der Mädchen ist nur sympathisch oder nur fies. Ein Blick in den jeweiligen familiären Hintergrund enthüllt manche Motive und Handlungsweisen, ohne als Entschuldigung zu dienen.
Als Jula am ersten Tag nach den Ferien wieder die Klasse betrat, machte sich ein Gefühl der Schwäche über ihren ganzen Körper her. Als ob ihr Kreislauf verrückt spielte und Jula gleich in Ohnmacht fallen würde. Das legte sich, als sie ein liebvolles Lächeln von Vanessa empfing, sie klopfte auf den rechten Platz neben sich, wo vor den Ferien noch ein anderes Mädchen gesessen hatte, eines von denen, die nur geduldet am Rand existierten, aber sonst ihre Ruhe hatten. Sie saß nun auf Julas Platz und musterte Jula beim Eintreten der Klasse mit leerem gleichgültigem Gesicht.
Vanessa hatte sich feine rote Strähnchen ins Haar gefärbt und trug ein knallgrünes Jeanskostüm; „selbst genäht“ raunte sie Jula zu, dazu farblich passende Stiefel, provozierend bunt und nicht zu übersehen, weil Vanessa inmitten ihrer Gefährtinnen in der ersten Bankreihe saß.
Marga Kaulbachs Lippen kräuselten sich in leichtem Spott.
Erin Perlmann fehlte. Doch das hatte sicherlich nichts zu bedeuten, denn sie fehlte recht oft.
Die erste Stunde verlief ohne Zwischenfälle, Marga Kaulbach unterrichtete die Klasse auch in Englisch und fragte anhand eines englischen Textes grammatische Feinheiten ab. Ihre Aussprache war schmerzhaft deutsch, aber nicht nur das, Jula war es schon häufiger aufgefallen, dass Marga Kaulbach sich bei den Übersetzungen irrte. Jula war zweisprachig aufgewachsen und beherrschte die englische Sprache fast so gut wie ihre Muttersprache. Außerdem begriff sie die Strukturen einer fremden Sprache ziemlich schnell, ohne dass sie sich besonders anstrengen oder dafür lernen musste. Auch heute bemerkte sie, wie der Kaulbach ein Fehler unterlief.
„Das stimmt doch nicht“, murmelte Jula in Gedanken vor sich hin.
„Was hast du gesagt?“ flüsterte Vanessa neugierig. „Du meinst, das ist falsch, was sie sagt?“
Vanessa sucht die Schwachstellen ihrer Mitmenschen. Sie sammelt ihr Wissen darüber, um es im rechten Moment gezielt einzusetzen. Sie, die alles hat, was man sich nur wünschen kann, scheint so etwas eigentlich nicht nötig zu haben. Und trotzdem lassen sich die anderen in ihren Bann ziehen. Wie subtil das Schikanieren, Belästigen, Beleidigen und Ausgrenzen stattfinden und wo es enden kann, erzählt Martina Dierks in Angelbride einfühlsam und eindringlich.
Andrea Wanner
Martina Dierks: Angelbride.
Altberliner 2003. Gebunden. 256 Seiten.
Ab 13 Jahren. 12,50 ¤.
ISBN: 3-357-00524-7