Noel Streatfeild: Reiseschuhe
18.07.2011
Begabung und die Folgen
In einer Familie, in der alle Talent haben, ist der Begabteste König. Keine Frage, dass sich das Familienleben nach seinen Bedürfnissen richtet, schließlich liebt man sich und schließlich gehören Familien zusammen. Aber haben nicht alle die gleichen Rechte, sich zu entfalten? Noel Streatfeild zeigt in ihrem fast fünfzig Jahre alten Kinderbuch Reiseschuhe hochmoderne Seiten an dem alten Problem »Wunderkinder« auf. Von MAGALI HEISSLER.
Sie heißen Myra, Sebastian, Wolfgang und Ethel; ihre Namensgeber sind eine Pianistin, eine Komponistin und zwei der berühmtesten Komponisten der Musikgeschichte. Klassische Musik regiert im Haushalt der Familie Forum, das bevorzugte Instrument ist das Klavier, Vater David begleitet beruflich Solisten auf diesem Instrument. Das Staunen ist groß, als sich herausstellt, dass Sebastian, mit seinen acht Jahren der Zweitälteste, besser Geige spielt als Klavier. Da sich die Forums aber innigst zugetan sind, ist rasch klar, dass Sebastians Talent unterstützt werden muss. Als sich die Möglichkeit einer Tournee in die Vereinigten Staaten bietet, reist die ganze Familie mit, obwohl sie dabei ihr Zuhause, Apple Bough, ein kleines Haus mit einem riesigen Garten in Essex, aufgeben müssen. Die Reise der Forums dauert wider Erwarten vier Jahre. In dieser Zeit entwickelt sich nicht nur Sebastian, auch in seinen Geschwistern kommen Wünsche nach einem eigenen Leben auf. Ettie, die Jüngste, würde lieber tanzen lernen, Wolfgang Popsongs komponieren. Myra wünscht sich vor allem, ihr altes Zuhause wiederzuhaben. Aber Sebastian braucht seine Geschwister und die Eltern können sich gar nicht vorstellen, dass den Kindern reisen, fremde Länder und Sitten kennenlernen, bunte Tage haben, nicht mehr gefallen könnte. Am Familienhimmel ziehen dunkle Wolken auf, die Gewitter lassen nicht auf sich warten. Damit auf den Regen Sonnenschein folgen kann, muss sich Myra sehr anstrengen. Eine gute große Schwester zu sein ist eben auch ein Talent.
Was ist eine Familie?
Streatfeild erzählt von Anfang an gleichermaßen von idyllischem Familienleben, wie von den Problemen, die das bereiten kann. Zunächst klingt es nach harmlosem Geplänkel, etwa, wenn Wolf mit gerade vier Jahren zum Entsetzen seines Vaters einen selbsterfundenen Schlager spielt oder Mutter Polly, die sich eine Karriere als Malerin aufbaut, als Hausfrau auf ganzer Linie scheitert. Mit etwas Entschlossenheit können die Alltagsprobleme gelöst werden, aber die Konflikte schwelen bereits. Und nur nach außen hin sind alle sicher, dass man die großartige Gelegenheit, die dem Begabtesten von ihnen geboten wird, nicht übergehen kann. Ein Haus ist schließlich nur ein Haus, die Hauptsache ist, dass die Familie zusammenbleibt.
Es ist ein großes Verdienst dieses Kinderbuchs, dass deutlich gesagt wird, dass familiärer Zusammenhalt um jeden Preis nicht glücklich macht. Jedes Kind hat das Recht auf die Entfaltung seiner eigenen Fähigkeiten, auch wenn diese den Vorstellungen gerade der Eltern entgegen stehen. Die Eltern Polly und David erweisen sich in dem, was sie unter Liebe für ihre Kinder verstehen, bald als betriebsblind und egoistisch. Das alles jedoch, ohne unsympathisch zu wirken. Die Autorin zeigt die Problematik von allen Seiten. Es geht ihr um eine Frage: Was kann man geben, ohne sich aufzugeben? Was macht einen guten Sohn aus? Einer, der aus Liebe die Wünsche seines Vaters erfüllt – das gilt auch für David in Bezug auf seinen Vater, den Großvater der Kinder – oder jemand, der ehrlich zu seinen Talenten steht? Ist man eine gute Tochter und Schwester, wenn man sich nach einem festen Ort zum Bleiben sehnt, obwohl man die Familienmitglieder, die man so liebt, immer um sich hat?
Ein altes Buch neu entdecken
In der Dauerdiskussion um alte Kinderbücher ist es eine angenehme Überraschung zu erleben, dass ein Verlag ein Buch von 1962 und von einer hierzulande wenig bekannten Autorin ohne Umstände auf den Markt bringt. Streatfeilds Bücher sind, obwohl sie ganz klassisch linear, ausführlich und in durchaus konservativer Haltung erzählt werden, alles andere als dazu geeignet, Tränen der Nostalgie oder Gefühle innerer Erhebung infolge rosiger Vergangenheitsschwärmerei hervorzurufen. Ihr Blick ist der der Realistin und er gilt in erster Linie den Kindern, für die es das wichtigste ist, einen eigenen Platz im Leben nicht nur zu finden, sondern ihn auch einzunehmen. Tatsächlich beginnt ihre Geschichte da, wo die anderen meist enden. Es reicht nicht, ein Talent zu entdecken und darin zu glänzen. Eine Ausnahmebegabung zu besitzen hat Folgen nicht nur für die angehende Künstlerin oder den Künstler, sondern auch für die unmittelbare Umgebung. Was man tut, wirkt nach außen und wieder zurück, ein sehr komplexes Thema, das heute aktueller ist als je zuvor.
Streatfields Kinderfiguren sind nicht nur sympathisch und lebendig, sie treiben die Handlung nicht nur voran, sie sind auch diejenigen, in deren Händen die letzte Entscheidung liegt. Entscheiden können sie, weil sie lernen, zu erkennen, was sie wollen. Die Erwachsenen helfen ihnen dabei und lernen ihrerseits dazu. Man handelt gemeinsam und doch im Interesse der Einzelnen.
Vom Umfang und der nicht kleinen Zahl der Personen her, die auftreten, ist dieses Buch ein Buch für Vielleserinnen und Vielleser. Es macht großen Spaß, die ungewöhnliche Familie Forum kennenzulernen, Haushälterin und Hauslehrer inklusive, und es gibt eine Menge Überraschungen, die die Lektüre kurzweilig machen, ohne dass der Ernst des Themas dabei unterginge.

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