David Walliams: Gestatten, Mr. Stink
05.09.2011
Nicht lustig
Der Engländer David Walliams ist Schauspieler in Film und Fernsehen, TV-Comedian und verdienstvoller Sport-Schwimmer für gute Zwecke. Vor drei Jahren gesellte er sich zudem zu den Kinderbuchautoren. Wie im wirklichen Leben verband das erste Buch, Kicker im Kleid, das im Vorjahr erschien, plakativen, vornehmlich den Vorgaben des heutigen Fernsehens geschuldeten Slapstick mit einem etwas ernsteren Thema, das sich am Ende dann des guten Zwecks wegen in Wohlgefallen auflöst. In seinem zweiten Kinderbuch Gestatten Mr. Stink, das soeben im Aufbau-Verlag erschienen ist, legt Walliams in allen drei Disziplinen noch nach. Über das Ergebnis kann man nur verwundert den Kopf schütteln. Von MAGALI HEISSLER
Der Veranstaltungsort der Buchvorstellung am 29. August 2011 war schmeichelhaft, handelte es sich doch um das kleine Theater TAK im nagelneuen Beton-Glas-Stahl-Klotz des Aufbau-Verlags am Kreuzberger Moritzplatz, das noch gar nicht offiziell eröffnet ist. Angenehm wurde die Veranstaltung an diesem Ort, dessen tote Betonwände noch trauliche Baustellen-Atmosphäre verströmen, durch die Begeisterung, die Verleger René Striem, Gastgeber und Übersetzer, David Walliams, Autor und VIP, sowie Andreas Fröhlich, Sprecher des gleichzeitig beim Audio Verlag erscheinenden Hörbuchs, mitbrachten. Gegenstand der Begeisterung war ein Kinderbuch in fröhlichem Gelb und gedämpften Tomatenrot, mit einer witzigen Illustration auf der Vorderseite, die gleich drei der Hauptpersonen des Buchs zeigt. Den Mr. Stink des Titels, die zwölfjährige, zwar mutige, aber auch leicht angeekelte Chloe und die Gräfin, den munteren Hund auf Mr. Stinks Arm.
Gesprochen und gelesen wurde abwechselnd deutsch und englisch, was vor allem zwei Dinge ganz deutlich machte: die Übersetzung ist ausgezeichnet gelungen - schade, dass die Übersetzerin Dorothee Haentjes nicht auch anwesend war - und das Hörbuch ist mit der Stimme von Andreas Fröhlich einfach nur ein Genuss. Die Geschichte, die Walliams serviert, ist unseligerweise keiner. Dabei fängt es ganz gut an.
Hier wohnen Ungeheuer
Mr. Stink, wie ihn alle nennen, weil er von Kopf bis Fuß und seit langer Zeit ungewaschen ist, ist ein Tramp, ein Obdachloser. Chloe, unsere Heldin, stammt aus einer guten Familie. Sie hat noch eine kleine Schwester, die Mamas Liebling ist. Ihr Vater arbeitet in einer Autofirma und hat keine Zeit für sie, ihre Mutter hat ebenfalls keine Zeit, denn sie kandidiert für die anstehenden Wahlen. Schulfreundinnen hat Chloe nicht, nur eine Erz-Feindin. Gut, dass gerade Weihnachtsferien sind. Aus Einsamkeit und einer guten Portion Neugier überwindet Chloe die schreckliche Geruchswolke um den fremden Mann auf der Parkbank und spricht ihn an. Er reagiert erfreut und nach zwei Sätze schon stellt sich heraus, dass er sehr manierlich und gebildet ist. Auch sein Hund, genannt ‚Gräfin’, ist lieb. In kürzester Zeit sind Chloe und Mr. Stink dicke Freunde. Ganz klar, dass sie ihm anbietet, in ihrem Schuppen zu wohnen. Ganz klar auch, dass sich daraus Konflikte ergeben. Diese bekommen bald sogar politische Dimensionen, da Mr. Stink ins Visier des amtierenden Premierministers gerät.
Darum und darüber breitet sich die Wolke an Eigengeruch aus, die Walliams Helden seinen Namen schenkte. Der Autor lässt kaum eine Seite verstreichen, ohne darauf hinzuweisen. Nicht dass man aus dem Lachen, Kichern und Feixen herauskäme, um einen klaren Gedanken zu fassen. Seinem Sinn für Abstrusitäten sind keine Grenzen gesetzt, Parole: Hauptsache, es knallt.
In Plüschgewittern
Hinter dem Ganzen steckt eine überaus einfache und höchst sentimentale Familiengeschichte, natürlich, spielt das Ganze doch zur lieben Weihnachtszeit. Die Figuren sind eher grob gezeichnet. Da ist die ehrgeizige, tyrannische Mutter, die ihre Karriere über das Familienglück stellt und an der der Autor (Jahrgang 1971!) offenbar ein in früher Kindheit erworbenes Margaret-Thatcher-Trauma abarbeitet. Unter ihrem Pantoffel, lebt ein ängstlicher Vater, der Konflikte so sehr scheut, dass er sich wochenlang im Schrank versteckt. Dazu eine verwöhnte kleine Schwester, die unsere Heldin piesackt, die ihrerseits selbstverständlich ein Herz aus Gold sowie Neigung zur Kunst hat. Den Höhepunkt bildet der Protagonist, hinter dem sich, man fasst es kaum, ein Angehöriger des englischen Adels verbirgt, der durch selbstverschuldetes Leid auf die Straße getrieben wurde. Ja, so kann es gehen in der Welt im Jahr 2011. Es greift einer so richtig an Herz.
Die vollmundige Parole des Autors aus dem Mund von Mr. Stink, dass sich hinter jedem Obdachlosen ein individuelles Schicksal verberge, das man respektieren soll, wäre in diesem Kontext tatsächlich echte Satire, wäre der Autor dazu fähig.
Was er nicht ist. Es reicht allein zu deftigen Witzen. Chloe darf sogar einmal zum Premierminister etwas Unanständiges sagen, doch selbst das ist so formuliert, dass auch der sensibelste Teddy nur ein kleines bisschen zu erröten braucht. Wenn brave Bürgerskinder aufsässig werden, dann gehen wahrhaftig Plüschgewitter nieder.
Am Ende steht das goldene Familienidyll. Schließlich ist Weihnachten ‚der Inbegriff vollkommenen Glücks’. (S. 202). Darüber strahlen die Sterne der Dezembernacht, in die Mr. Stink wieder hinauszieht, unbekannten Zielen entgegen. Auch aufmerksameren Leserinnen und Lesern werden spätestens zu diesem Zeitpunkt Tränen in den Augen stehen, allerdings eher als Folge des spießbürgerlichen Miefs, der sich mit der Lektüre dieses Buchs im Kinderzimmer ausbreitet und ziemlich schmerzhaft in den Augen brennt.
Lustig sind die Illustrationen von Quentin Blake. Man kann sie betrachten, ohne den Text zu lesen.

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