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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:06

 

Philipp Schiemann: Ich gehe langsam durch die Stadt

30.03.2004

 

Underground -

Gott sei Dank gibt es ja noch Philipp Schiemann



 

Underground-Literatur. Ein Etikett - so substanzlos wie jedes andere Etikett, entwertet durch nicht wenige Dilettanten, die es sich durch vordergründige Sex & Drugs & Gewalt-Attitüden und kläglichen Imitationsversuche anheften wollen oder anheften lassen. Aber Gott sei Dank gibt es ja auch noch Philipp Schiemann.

Schiemann, Jahrgang 69, lebt als freischaffender Künstler in Düsseldorf. Nach diversen Musikaufnahmen im Eigenverlag, folgten seit 1996 einige Publikationen mit Stories und Gedichten sowie zwei Spoken Words CDs. Daneben wirkte er im Laufe der 90er Jahre als Haupt- und Nebendarsteller, Regie-Assistent und Drehbuchautor an unzähligen Trash-Filmen und Musikvideo-Produktionen mit. Im April ist nun die dritte Spoken Words CD "Ich gehe langsam durch die Stadt" erschienen.

Was zeichnet Schiemann aus? Allein schon sein Vortrag, seine akzentuierte Stimme, die eine Menge Register bereithält, von sprühendem Witz bis zu tiefer Ernsthaftigkeit, von spannungsgeladener Stille bis zu attackierenden Wortschwall-Salven. Auch bei Schiemann fehlen sie nicht, die Ärsche (schon das erste Stück heißt Lobgesang auf Claudias Arsch) & Titten & Schwänze &..., aber er beschränkt sich beileibe nicht darauf, sie sind nicht mehr und nicht weniger als natürliche Bestandteile des ganzen Alltagspanoramas. Das größte und vielleicht auch seltenste Plus, das Schiemanns Texte aufweisen, ist der Mut, eigene Verletzbarkeit nicht kaschieren zu wollen. Nicht kaschieren zu müssen. Neben aller unverhohlenen Aggression, neben seinem Zorn auf die weit weit reichende Anpassung und das Heer der Angepassten, neben seiner tief empfundenen Verzweiflung an gesellschaftlichen Realitäten, neben alledem steht ein unbändiger Lebenswille und Lebenshunger, der auch Platz für leise Töne lässt. Das wirkt kraftvoll, das macht ihn überzeugend, glaubwürdig, echt.
Am schönsten kommt das vielleicht in den Zeilen am Ende von "Ein gottverdammter Jammer" zum Ausdruck:
"Und in der psychiatrischen Tagesklinik fragen sie mich: ‚Warum sind Sie hier?' Und ich antworte: ‚Weil ich mit meiner jetzigen Art zu leben und zu fühlen die Distanz bis zu meinem Tod nicht bewältigen kann. Und das ist ein gottverdammter Jammer.'"

Schiemanns Texte sind mal beißend schonungslos und provokant, mal tieftraurig, mal lustvoll direkt und oft brüllend komisch. Wenn man das Etikett ‚Underground' schon bemühen und mit irgendetwas füllen will, dann sollte es meines Erachtens für einen Blick von der anderen Seite stehen, ein Blick auf die Gesellschaft aus einer Warte, die sich Distanz bewahrt und doch mittendrin steht, die sich tagtäglich dieser Spannung stellt und den Spagat zwischen Anpassungsdruck und der Wahrung innerer Freiheit aushält. Eine Perspektive, die offen bleibt, keinen Mustern verfällt, sich keinen Regeln blindlings unterwirft, sondern endgültige Positionen meidet und vor allem anderen der eigenen Wahrnehmung vertraut. Das ist unendlich kraftraubend und mühsam - ich kenne wenige, die es mit derart bewundernswerter Intensität und kreativer Qualität tun wie Philipp Schiemann.

Anselm Brakhage

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