Stefan Heym: The Crusaders
24.05.2004
Mars macht mobil!
Einmarsch der Amerikaner: schnell stoßen sie vor, erzwingen bald schon die Kapitulation. Der Kampf gegen diese unmenschliche Diktatur ist ihr Ziel. Doch welche Ideale bringen sie mit? Wie wollen sie die Herzen der Menschen erobern? Und wodurch unterscheiden sie sich überhaupt von den früheren Machthabern? Stefan Heym stellt in seinem Roman The Crusaders Fragen aktuellster Brisanz.
Im Zentrum der Handlungen steht Walter Bing, Sergeant einer Propagandaeinheit. Er ist deutschstämmig und verabscheut seine Landsleute in der alten, zerstörten Heimat. Verabscheut sie dafür, was sie verursacht und was sie geschehen haben lassen. Bing ist es nun, der den Deutschen demokratische Parolen aufzutischen hat, der sie von etwas zu überzeugen versucht, wovon er selbst immer weniger überzeugt ist. Schließlich wird er sogar von den eigenen amerikanischen Kameraden versehentlich erschossen. Die Frage nach dem Sinn des Krieges bleibt somit unbeantwortet. Antworten verschafft sich jeder selbst: Man drückt sich, macht krumme Geschäfte, lässt sich als Kriegsheld feiern, beginnt Liebesverhältnisse. Ein Mann nur, Lieutenant David Yates, bäumt sich gegen die autoritären und faschistischen Tendenzen in der eigenen Armee auf.
„Eines der besten und bedeutendsten Kriegsbücher“ (H. Böll)
Stefan Heym setzt sich, wie in so vielen anderen Roman später auch, kritisch mit der Frage auseinander, ob das amerikanische System wirklich das bessere sei. Er selbst emigrierte 1933 über Prag in die USA und hatte dort kurz vor seinem Eintritt in die Armee bereits einen Roman veröffentlicht. Sein Bemühen, den amerikanischen Lesern die Augen zu öffnen über den barbarischen Nazistaat, blieb jedoch in recht schematischen Darstellungen stehen. Erst mit The Crusaders (dt. Der bittere Lorbeer) gelang ihm ein differenzierterer Blick, der die Frage aufwarf, ob die amerikanische Gesellschaft selbst gefeit ist gegen den Virus Faschismus.
Das deutsche Bagdad
Der Roman folgt dem Siegeszug der alliierten Truppen von der Landung in der Normandie bis zur Errichtung einer Militärregierung im besiegten Deutschland. Doch alle Ideale zerschellen, einzig Geschäfte funktionieren. Jeder, ob Amerikaner oder Deutscher, versucht aus seiner Lage das Beste zu machen und im allgemeinen Durcheinander noch offene Rechnungen zu begleichen. So wird gelyncht, erpresst, vergewaltigt, misshandelt und die Überlebenden der Konzentrationslager werden in einem Totenhaus zusammengepfercht. Pietät gibt es nicht im Umbruchschaos. Aus Befreiern werden Mörder, aus Helden Technokraten. Die Veränderungen im Land erscheinen minimal, und als Gott der Stunde herrscht der kleine, persönliche Vorteil. Idealisten hingegen sterben weg oder resignieren.
Zum 60. Jahrestag der Landung in der Normandie
Das Hörspiel nach Heyms Romanvorlage ist ein gewaltiges Projekt. Das Verzeichnis weist nur Größen des Faches auf: Manfred Zapatka, Matthias Scherwenikas, Daniel Minetti, Franziska Troegner, Hans-Peter Hallwachs – insgesamt etwa 70 Sprecher. Umrahmt werden die vielfältigen Erzählstränge von der Musik Benny Goodmans, dem Unterhaltungsprogramm der Amerikaner für die Deutschen: Jazz und gute Laune hießen die Botschafter. Der Kontrast könnte kaum gewaltiger sein, und von dieser Spannung lebt denn auch der gesamte Stoff. Bisweilen entgleiten einem jedoch die vielen Parallelhandlungen, sodass es auch dem Verlag notwendig schien, eine mehrseitige Synopsis beizulegen. Leider ist die so schlecht getextet, dass sie eher noch verwirrt als hilft.
Das Buch ist ein Muss in Zeiten neuer Kriege, die die ewig gleichen Merk- und Schandmale tragen. Heym, der 1994 Alterspräsident des deutschen Bundestags wurde und dort ein engagiertes Plädoyer für die Toleranz hielt, ist ein schauriger Blick hinter die Maske des Krieges geglückt, ein Blick, der einen frieren macht angesichts seiner Allmacht, vor der kein Ideal und keine Hoffnung zu bestehen vermag.
Christoph Pollmann
The Crusaders
Hörspiel nach Stefan Heym
4 CDs, Laufzeit ca. 300 min.
ISBN 3-89830-678-X
29,50 Euro
Random House 2004