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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:07

 

Robert Gernhardt: Blanket Creek

16.06.2004

 
Jenseits von Schweden

Das Paradies ist ein für allemal futsch - und enttäuscht stromern Carla und Gerd nun durch Wald und Welt auf der Suche nach dem Sinn ihrer geheimen Wünsche... Reiseführer ist ein großer Humorist.

 

Wer kennt ihn nicht, den großen Gernhardt. (Nein, kein althochdeutsches Wörterbuch!) Kürzlich wurde er wieder bedacht mit einem Preis, dem Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik, auf den er, wie selbst bescheiden verlautbart, „so gar nicht gelauert habe“. Hier soll es aber nicht um seine Lyrik gehen, die ihm ja schon den Vergleich mit Heine eingehandelt hat, wir wollen vielmehr ein neues Prosastück beäugen mit dem Titel: Blanket Creek oder Verwilderte Wünsche.
Nimmt man das Booklet zur Hand, fällt einem zunächst die für den Audiobuch-Verlag so typische gestalterische Zurückhaltung auf. (Ein wenig nackig sehen sie ja immer aus, diese Hörquadrate...) Klappt man nun deren karge Deckel auf, so eröffnet sich ein Breitwandpanorama übermächtiger Natur.

Als nächstes zupfe ich eine kleine Beilage heraus. Es ist ein Witzbüchlein, beginnend mit den Worten: „Keiner da in Kanada...“ Der Lacher will nicht so recht aus dem Hals, er ist schon altersmüde und bereicherte die kameradschaftliche Atmosphäre zuletzt im April 1981, als wir auf dem Pausenhof der Joachim-Ringelnatz-Schule in Klöppen an der Aller... – aber lassen wird das. Ich blättere weiter, es folgen Fotorätsel mit lustiger Auflösung, eiei.

Das zarte Nuscheln der Kunscht

Du hast eine Autorenlesung gekauft, ruft es empört in mir, dann solltest du endlich aufhören so stieselig an allem äußeren Tand herumzukritteln, leg die CD endlich ein und lausche! Selten so zurechtgewiesen von mir selbst gehorche ich und werde Zeuge der feinsinnigen Faselei eines Meisters. Ja, es steckt schon ein einmaliger Ton in diesem Mann, und Lesungen mit ihm sind stets ein ungebrochenes Vergnügen. Sein Duktus erscheint etwas aufgeräumt o­nkelhaftig, denn in kleinen Schritten, mit großen Worten dreht er die Story gemächlich bis zu ihrem Anschlag. Und da hat die Süddeutsche auch völlig recht, wenn sie meint: „Die Geschichten haben keine Pointe, sondern sie sind die Pointe vom ersten Satz an.“ Gernhard kurbelt recht sanft am Rad des Witzes, das stimmt, doch kommt es uns hier eher wie das einer Streckbank vor.

106minütige Urlaubsgeschichte

Erinnern Sie sich noch? Deutschunterricht, Erzählzeit, erzählte Zeit? Bei Gernhard beide deckungsgleich, mit leichter Tendenz zur Verlangsamung. Doch das entspringt, wie wir bereits wissen, seiner Kehrschaufelprosa. Wenn man dies nicht goutiert, sollte man zur Lyrik greifen: Welch Atemfrische, welch Schleunigkeit! Dort stürzt man leichten Fußes von einer Gedankentiefe in die nächste!

Hier hingegen stapft man etwas missmutig mit Carla und Gerd durch die Weite. Und es ergeht uns wie der Heldin, sie, die Kunsthistorikerin, erzählt ihren Freundinnen vom Urlaub mit naturfanatischem Gatten und der ewigen Suche nach Wildnis in Form eines Elches. Wir hingegen befinden uns auf der Suche nach Erlebnis, in Form eines echten Erlebnisses - doch nichts da! Geduldig müssen wir Weißwein um Weißwein mitschlürfen und Waldweg um Waldweg mitschlurfen, einzig um ein paar Kanada-Klischees aufzuwärmen und einer moderaten Ehekrise beizuwohnen.

Was bleibt?

Was bleibt - und vielleicht die eigentliche Krise ausmacht - sind die Frauenfiguren und deren Beziehung zueinander. Verboten haben sich die drei Akademikerinnen das Lamentieren und Langweilen. Doch ihre Freundschaft mit dem eitlen Etikett „Die Trias“ wirkt gespreizt wie ihre Rituale, die diese drei Frauen nur grob miteinander zu verknüpfen scheinen. Diese Knoten nun lösen sich im Laufe von Carlas Erzählung auf, mehr und mehr gerät ihr alles zu einer Lügengeschichte: der Kanadaurlaub, die Ehe, die Freundschaft. Schließlich spürt man die ganze Schalheit und Seichtheit, über die alle Beteiligten einander mit ihrem Dünkel so lange hinwegzutäuschen pflegten. Doch warum gehen wir als Hörer den holprigen Weg dieser Erkenntnis nur so ungern mit?

Christoph Pollmann


Robert Gernhardt: Blanket Creek oder Verwilderte Wünsche
Autorenlesung
2 CD, Laufzeit ca. 106 Minuten
ISBN 3-89964-045-4
Preis: 22,90 EUR
Erschienen bei: Audiobuch

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