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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:53

 

Roger Graf: Philip Maloney und der Weihnachtsmann

27.10.2004

 
O du tödliche Weihnachtszeit

Das mehr als zweistündige Hörstück taugt als Alternative zum traditionellen Firlefanz vor dem Weihnachtsbaum - in jeder Hinsicht.


 

Das Fest der Liebe ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Konsumterror und gesundheitsschädliche Hektik machen aus den christlichen Feier-Tagen eine christliche Sause. Der Kommerz dirigiert die Weihnachtsmärkte, die Weihnachtsessen nehmen derart Überhand, dass kaum noch jemand wirkliche Gaumenlust verspürt.

Ähnlich ergeht es dem Privatdetektiv Philip Maloney, der sich wegen der vorweihnachtlichen Depression „normalerweise mit einer Flasche Whiskey und einer Blondine unter dem Schreibtisch“ legt. Ein obskurer Bote überreicht ihm einen Brief, in dem eine Hälfte eines Tausenders den Empfänger sehr verwunderte. Mit dem Brief wird er zu einem außergewöhnlichen Weihnachtsfest eingeladen, wo Maloney auch die andere Hälfte des Geldscheines bekommen würde. Am Bahnhof warten noch mehr Leute, die ebenfalls dem Ruf des Unbekannten folgten. Darunter einige Angehörige der deutschen Hochgesellschaft: Wum Wendig, Günter Dachs, Susanne Speichel oder Miss Mäppli.

Das ist alles sehr mysteriös und fördert nicht unbedingt das Vertrauen in die Beschaulichkeit und humanitären Gewissensbisse der weihnachtlichen Zeit. Überraschend ist das nicht. Roger Graf nämlich, der Erfinder seiner vor allem in der Schweiz sehr bekannten, langlebigen Hörspielserie „Die haarsträubenden Fälle des Philip Maloney“, nimmt parodistisch das Weihnachtsfest sowie bekannte Krimi-Plots auf den Arm. „Der Weihnachtsmann“ wurde als Special in zweiunddreißig Teilen vom 24.-26.12.1993 beim Hörfunksender DRS 3 erstmalig gesendet.

Wenn viele, einander nicht bekannte Zeitgenossen an einen geheimnisvollen Ort versammelt werden, kann daraus eigentlich nichts Gutes entstehen. Zehn Personen sind es, die der mysteriöse, als Weihnachtsmann verkleidete Gastgeber eingeladen hat. Maloney erzählt rotzig, mit schneidender, „kalter“ Stimme das kriminelle Weihnachtsmärchen, war er doch selbst einer der zehn Gäste. Spannend und etwas irrwitzig entwickelt sich die Geschichte, in der jemand verschwindet, ohne Spuren im frisch gefallenen Schnee zu hinterlassen. Denn auf dem Berg Monte Veritate gibt es kein Entkommen, die Gesellschaft ist gefangen im Heim eines unsichtbaren Gastgebers. Noch zwei Personen verschwinden und stürzen die Verbliebenen in Angst und Schrecken. Wie in der Moritat von den zehn kleinen Negerlein dezimiert sich die Gesellschaft peu á peu, ähnlich wie im Roman „And then they were non“ von Agatha Christie, der heute in deutscher Übersetzung „Und dann gab’s keine mehr“ und nicht mehr „Zehn kleine Negerlein" heißt. War es bei Christie die einsame Insel, treibt der Unbekannte seine Meute im Hotel Ferrovio im Tessin zusammen. Irgendwie müssen diese zehn Herr- und Damenschaften etwas miteinander zu tun haben. Und mitten drin Philip Maloney? Das ist für den Privatdetektiv nicht nachvollziehbar, und für den Hörer zunächst auch nicht.

Die flott erzählte Geschichte bleibt hin und wieder im Halse stecken: weil der Irrwitz in großen Stiefeln daher kommt und der Sprachwitz für herrliche Anzüglichkeiten und Verwirrungen sorgt. Das mehr als zweistündige Hörstück taugt als Alternative zum traditionellen Firlefanz vor dem Weihnachtsbaum - in jeder Hinsicht.

Klaus Hübner


Roger Graf: Philip Maloney und der Weihnachtsmann.
Hörspiel. Produktion: DRS3. 2 CDs (Gesamtspielzeit: 128 Minuten).
Tudor Recordings.
ISBN: 3-908576-55-5.

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