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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:53

 

Ernst Deutsch spricht Granach, Lessing...

25.11.2004

 
Der Expressionist

Bei Ernst Deutsch merkt man an jeder Silbe, dass er durchdacht und begriffen hat, was er da spricht, manchmal fast singt.


 

Er war der Letzte aus der expressionistischen Schauspielergeneration. Sein Stil galt schon längst als veraltet, da feierte der junge Klaus Kinski mit seinen Rezitationsabenden, die diesen Stil auferstehen ließen, Triumphe. Damals lebte Ernst Deutsch, 1890-1969, noch. Zwei Jahre vor seinem Tod nahm die Deutsche Grammophon Gesellschaft eine Sprechplatte mit ihm auf, die seit langem vergriffen und nicht einmal in Antiquariaten aufzutreiben war. Jetzt ist sie als CD wieder zugänglich, zum sensationellen Preis von 4.99 Euro, und wer das Theater liebt, sollte sie sich nicht entgehen lassen.

Ernst Deutsch war ein Grandseigneur der Bühne, und nach dem Holocaust wurde er zum Inbild des edlen Juden. Wie er den Nathan oder auch den Professor Bernhardi spielte, will man diese Figuren nicht mehr sehen. Traugott Buhre, Norbert Kappen und andere haben uns zeitgenössischere Interpretationen vorgeführt. Aber wer historisch denkt, begreift, wogegen Ernst Deutsch damals anspielen musste, vor welchem Hintergrund er seine Rollen entwarf – übrigens auch in Pabsts viel zu wenig bekannter Verfilmung von Brunngrabers Roman Prozess auf Tod und Leben.

Auch die CD konzentriert sich auf den jüdischen Darsteller, den Darsteller jüdischer Charaktere. Im Zentrum stehen zwei Szenen aus Arthur Schnitzlers Professor Bernhardi, die Konfrontationen der Titelfigur mit dem Pfarrer, den der junge Wolfgang Gasser spricht. Diese Dialoge repräsentieren weniger den Gegensatz von Christentum und Judentum als den von Gläubigkeit und rationalistischer Skepsis, auch von Unterordnung unter eine Ideologie und Individualismus. Die Argumentationsweise Schnitzlers, der beiden Seiten ihre Würde belässt, ist bis heute – zumal in Österreich – von atemberaubender Aktualität, auch und gerade weil die Position des Pfarrers den Sieg davon getragen hat, Schnitzlers Sprache ist nach wie vor von faszinierender Schönheit, und Ernst Deutsch bringt diese Sprache zum Klingen. So wird heute im Theater nicht mehr gesprochen, und man muss weder altmodisch noch schwerhörig sein, um das zu bedauern. Bei Ernst Deutsch merkt man an jeder Silbe, dass er durchdacht und begriffen hat, was er da spricht, manchmal fast singt.

Das gilt auch für seinen Shylock, für die sehr kurze Passage aus Lessings Nathan, für den Auszug aus Don Carlos, für die Texte seines Kollegen Alexander Granach und seines Freundes Franz Werfel. Leute, geht hin, kauft Euch für den Preis einer halben Kinokarte diese CD, stellt sie nicht ins Regal, sondern hört sie an und spielt sie Euren Kindern vor und fühlt Euch bestärkt im Vertrauen auf die Macht der Kunst.

Thomas Rothschild


Ernst Deutsch spricht Granach, Lessing, Schiller, Schnitzler, Shakespeare & Werfel.
Universal 981 970-3

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