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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:54

 

Kurt Schwitters: Von der Gurgel bis zur Zehe

20.01.2005

Gurgelhupf und Zwerchenfell

Verfasser von Unsinnpoesie aus dem Umfeld von Dada? Oder ein bedeutender Vertreter derLiteratur aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts? Die komische Seite von Kurt Schwitters kommt auf der Doppel-CD Von der Gurgel bis zur Zehe jedenfalls bestens zur Geltung.

 

Die Beurteilung dieses künstlerischen Multitalents schwankt auch heute noch zwischen zwei Extremen. Dafür bekannt, dass er selbst preußischen Offizieren Tränen des Lachens in die Augen treiben konnte, entwickelte er auch Theorien zur abstrakten Kunst und zum modernen Theater. Die erste CD dieses Querschnitts durch sein literarisches Werk enthält Texte, die zwischen 1913 und 1946 geschrieben wurden: frühe Liebesgedichte, dadaistische Grotesken, doppelbödige Erzählungen und kurze Gedichte aus der Zeit des Exils in Norwegen und England. Nicht fehlen darf An Anna Blume: Oh du Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir! Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, ----wir? Überhaupt geht’s viel um Frauen, bzw. deren Beine: Meine süße Puppe / mir ist alles schnuppe / wenn ich meine Schnauze / auf die deine bautze. In Schluck um das Leben (bevorzugt beim Essen zu hören, in Anwesenheit empfindsamer Mitmenschen) erfährt man, dass eine Katze durchaus gut zum Nüsse knacken ist.

Seltsame Blüten der Lakonik

Was in dieser Textauswahl leider fehlt, sind Montagetexte, etwa die herrlich groteske Erzählung Die Zwiebel: Es war ein sehr begebenwürdiger Tag, an dem ich geschlachtet werden sollte ... oder Klassiker wie Franz Müllers Drahtfrühling oder Auguste Bolte, die für diese CD vermutlich zu lang waren. Allerdings gibt es auch hier genügend Seltsames zu bestaunen und zu belachen: das lilienrosa Porträt Rudolf Bauer, das Zahlengedicht 25 [elementar] oder die Raddadistenmaschine, deren Bauplan wohl von Alfred Jarry stammt. Nicht zu vergessen: das an Lakonik kaum zu überbietende Kleine Norwegische Wintergedicht, wie alle anderen Texte auch routiniert vorgetragen von Bernd Rauschenbach. Und dass Kunst und Komik sich nicht ausschließen, zeigen Texte wie Count Sardinowhocount - hier scheint ein Calypsokomponist gut zugehört zu haben.

Rauschenbachs Rauschen

Die zweite CD enthält die berühmte Sonate in Urlauten, an der Schwitters von 1922 bis 1932 gearbeitet hat - eine etwa dreißigminütige, stimmakrobatische tour de force im Grenzbereich von Literatur und Musik. Und als Zugabe das Nießscherzo, humorvoll eingenießt von Bernd Rauschenbach, der auch die zungenbrecherischen Passagen der Ursonate routiniert meistert. Allerdings ist seine Fassung deutlich zügiger als von Schwitters vorgesehen, wirkt aber dennoch etwas langatmig, besonders im Vergleich mit der Aufnahme von Jaap Blonk. Gerade in den Ecksätzen fällt - durch die nur geringen Dynamik- und Tempovariationen - der Spannungsbogen manchmal etwas ab, dabei kann die Sonate durchaus etwas Exzess vertragen. Rauschenbach hingegen vertraut auf seine zwar geschulte, doch etwas brave Stimme. Er versucht eher, vereinzelt Pointen zu setzen, legt dabei aber keine überzeugende Gesamtinterpretation vor. Die Betonung der Komik im Vortrag der „Ursonate“ passt jedoch gut zum Gesamtkonzept dieser Doppel-CD, die eben vor allem die humorvolle Seite Schwitters präsentieren möchte.Wer Jandls Humor mag, dem wird auch Von der Gurgel bis zur Zehe gefallen.

Carsten Schwedes


Kurt Schwitters: Von der Gurgel bis zur Zehe.
Vorgetragen von Bernd Rauschenbach; 2 CDs;
Kein & Aber Records;
19,90 ¤;
ISBN 3-0369-1142-1

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