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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:54

 

Gottfried Benn: Das Hörwerk

20.01.2005

Zerschleuderung und Statik

30 Jahre Hassliebe - so lässt sich das Verhältnis von Gottfried Benn zum Radio vielleicht am ehesten beschreiben. Von 1928-1956 hat sich dann aber doch ein ansehnlicher Materialberg angesammelt, so sehr man den scheuen Dichter auch ans Mikrophon locken musste. Zweitausendeins stellt 11 Stunden und 9 Minuten davon zur Verfügung. Man höre das Orakel der Moderne - komprimiert auf einer MP3 CD.

 

„Von Homer zu Goethe ist es nur eine Stunde. Von Goethe zu mir sind es 24.“ Diese Sätze sind es unter anderem, die ihm seinen Rang eingebracht haben. Literatur, Lyrik ist nicht mehr das, was es einst war – lange nicht mehr. Längst ist die Anreicherung größerer geworden, alles zieht viel mächtigere, umgreifendere Kreise als noch kurz zuvor. Thomas Mann, Bert Brecht, Benn; er ist unbestritten Mitglied dieses Triumvirats des 20. Jahrhunderts und nicht minder streitbar, was seine politischen Positionierungen anbelangt. In diesem Zusammenhang ist ein Interview besonders aufschlussreich.

Vom Wirklichkeitswert der Titanen

Dient ihm ansonsten das Medium Radio dazu, seine ziselierte Stimme und weltbildhaltigen Gedanken möglichst unbeschadet in den Äther zu senden, was einem auf Dauer den Atem, auch den eines guttrainierten Rezipienten benimmt, so schöpft man unvermittelt wieder Luft, wenn sich Benn inmitten eines Streitgespräches wiederfindet und sein Widersacher ihm in der spontanen Äußerung sogar überlegen ist. Da schrumpft der Benn glücklicherdings wieder ins Menschliche - nicht völlig, doch ein beachtliches Stück. Im Vordergrund dieses reizvollen Gesprächs steht aber etwas anderes: die Frage nach dem Sinn der Emigration aus Nazideutschland. Benn blieb, Peter de Mendelssohn ging. Was hier in einer knappen Stunde ausgefochten wird, ist geradezu exemplarisch und erregend, auch wenn mancher denkt, dieser alte Schuh gehöre längst ins Eck. Dieses Gespräch zwischen zwei Schriftstellern vereint dabei viele Tugenden: Es ist hochgradig intelligent, leidenschaftlich geführt und lässt immer den gegenseitigen Respekt durchspüren. Kein Wort zuviel, keine publikumsheischende Pointe, keine Polemik.

Onkel Benns Tante-Emma-Laden

Der Hörer findet in der Sammlung selbstverstanden die großartigen Gedichte Benns vor, darüber hinaus Hörspiele, Vorträge und Rundfunkdiskussionen, unter anderem eines mit Heinrich Böll. Wie angedeutet ist Benn vielleicht nicht der allerversierteste Vorleser, er versteigt sich oft im Ton und hält seine Zeilen, seien es poetische oder poetologische, über Gebühr in der Höhe – es entsteht ein intellektualistisches Säuseln. Nimmt man sich aber Zeit und spritzt dieses Wortheroin in kleineren Dosen, dann wirkt der bennsche Rausch. Die Ausstattung von Zweitausendeins - das großartige Beibuch und der solide Schuber - ist wieder einmal mustergültig. Ein Essay von Thilo Koch rundet das äußerst günstige MP3-Paket ab. Er war es, der die oft beschwerliche Unternehmung startete, Herrn Benn in die Studios zu holen. Dabei wusste er um die oft abfälligen Bemerkungen, die jener über das Radio gemacht hat. Und schönerweise sind gerade diese Briefauszüge der Ausgabe beigegeben, sodass ein manchmal durchaus kokettes Bild dieses Großgeistes entsteht: Stargage! Prostitution! – das sind die Pole zwischen denen der Doktor für Geschlechtskrankheiten stets schwankt. In den Aufnahmen aus den letzten Jahren klingt aber bald ein versöhnlicherer, gelassenerer, ja beinahe freudiger Ton mit: „Ich bin noch nie wie in den 2 Tagen in München soviel gezeichnet, interviewt, photographiert usw worden, ...“ Als hätte sich der scheue Nihilist - ein Wort übrigens, welches Benn ganz ins Positive gedeutet wissen wollte - mit seinem deutschen Nachkriegspublikum versöhnt. Thilo Koch sei´s gedankt.

Christoph Pollmann


Gottfried Benn – Das Hörwerk 1928-56
Lyrik, Prosa, Essays, Vorträge, Interviews, Rundfunkdiskussionen
Zweitausendeins, 20041 MP3 CD, Laufzeit: 11 Stunden 9 Minuten Preis: 14,95 ¤
ISBN 3-86150-654-8

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