Robert Merle: Die geschützten Männer
31.01.2005
Diktatur der Amazonen
Robert Merle, einer der ganz großen französischen Schriftsteller, ist letztes Jahr verstorben. Sein Social-Fiction-Roman „Die geschützten Männer“ wurde nun vom MDR mit Starensemble inszeniert.
„Ich ficke dich!“, sagt keine geringere als Barbara Schöne alias Hilda Helsingforth, die brünstige Diktatorin einer reinen Frauenwelt zu ihrem Opfer Dr. Martinelli. Sicher ein Höhepunkt dieses Hörspiels. Das Sprecheraufgebot dieser Produktion ist einfach erstklassig. Umso schader, dass dramaturgisch dann etwas so Braves entsteht. Selbst die Musik von UNICYCLEMAN gibt sich doch sehr schüchtern hinter diesem Vorhang des ganz und gar Konventionellen. Dabei ist der Stoff alles andere als graue Alltagskost. Hat Merle hier doch äußerst pikante Zukunftsszenarien aufgetischt. Und etwas zu phantasielos gibt sich dann auch die ansonsten so routiniert gute Aufmachung der DAV-Hörspiel-Cover: drei grimmig dreinblickende Fotomodels werden dem furiosen Inhalt in keinster Weise gerecht.
Enzephalitis 16
So heißt die Krankheit, die es vermag alle potenten Männer dieses Erdballs hinwegzuraffen. Einzig eine Gruppe Kastraten und die sogenannten PM (Geschützte Männer), ein Forscherteam, das nach dem rettenden Serum sucht, fristen noch ein eingeschüchtertes Dasein unter den Frauen. Sowohl ihr Feminismus, als auch ihre sexuelle Direktheit haben sich radikalisiert. Im Mittelpunkt des Romans steht dann auch die Frage nach dem Unterschied zwischen einer männlich und einer weiblich dominierten Gesellschaft. Was geschieht in einer sexistisch-rassistischen Herrschaft der Feministinnen? Diese negative Utopie Robert Merles steht dabei in bester Orwellscher und Huxleyscher Tradition.
Merle, der gewitzte Humanist
Die Befreiung erfolgt am Ende nicht von außen, sondern aus der feministischen Gesellschaft selbst. Ablesen lässt sich hieran ein Bekenntnis des Autors zur humanistischen Tradition. Hope heißt die neue Präsidentin dann auch – vielleicht eine etwas sehr direkte Anspielung, denn ebenso lässt sich aus dem Namen der Diktatorin Hilda Helsingforth das Anagramm Adolf Hitler basteln. Nun, das sind Dinge, die man getrost unter der Rubrik Kleine Späße abheften kann. Was bleibt, ist - mit Verweis auf AIDS, die Klonforschung, die Rolle der USA als Weltpolizei - eine erschreckend aktuelle Story aus den 70ern, die leider etwas fußlahm dahergetrottet kommt.
Christoph Pollmann
Robert Merle: Die geschützten Männer
Hörspiel mit Siemen Rühaak, Winfried Glatzeder, Barbara Schöne u.v.a.
1 CD, Laufzeit: 68 Minuten
Erschienen bei: DAV