Eric-Emmanuel Schmitt: Das Kind von Noah
13.06.2005
Schon gut, schon gut...
Der „Zyklus des Unsichtbaren“ – schon die Worte schuppern einem den Rücken auf und ab. Dabei handelt es sich bei Eric-Emmanuel Schmitts religiösen Aufklärungsversuchen letztendlich wohl doch nur um klebrige Verklärungen.
Joseph, ein Siebenjähriger in belgischer Provinz, welche besetzt ist von der deutschen Wehrmacht, wird abrupt von seinen Eltern getrennt. Der herzlodernde Pater Pons versteckt den Jungen in seiner „Gelben Villa“ vor der Gestapo. Hierdurch rettet er den kleinen Juden, dessen Eltern irgendwie auch, eigentlich die ganze jüdische Kultur, hauptsächlich aber seinen eigenen guten Glauben. Nachdem all diese guten Taten vollbracht sind, der Krieg gewonnen ist und die Familie wieder beisammen, rettet Vater Pons sogar – man weiß gar nicht wie man als Leser dazu kommt – die verbotenen Bücher russischer Dissidenten...
Das Gute im Schriftsteller
Verdammt, was soll man machen? Schmitt vertraut dem Guten im Menschen, glaubt an das Schöne im Leben und doch schreibt er kaum über das Wahre dieser Welt. Anprangern kann man so einen notorischen Optimisten kaum, höchstens ästhetisch. Doch Schmitt weiß selbst - das interessiert nicht mal den letzten ofengewärmten Hund! Einen Trumpf will der Kritiker hier aber dennoch gezückt haben, bevor er die Welt einer rosa Flutwelle aus Frankreich überlässt: „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“, „Oskar und die Dame in Rosa“ und „Das Kind von Noah“ sind die langweiligsten Kinderbücher der letzten Jahre!
So ein Schmitt kann eigentlich nur Erfolg haben, weil hierzulande - im Schlagschatten der Gottesfinsternis - die Grundbildung in Fragen Religion völlig verkümmert ist. Solcherart wird Schmitt mit seinen religiösen Themen zum Hohepriester eines neuen Exotismus. Den Atheisten unter seinen Lesern wird schlicht der leise Schauer des Irrationalen geliefert: mutige Katholiken, gütige Moslems und ganz normale Juden. Dabei trägt das kaum weiter als irgendein mittelirdisches Zwergen-Elfen-Magier-Brimborium, da helfen dem guten Eric-Emmanuel auch keine knietiefschürfenden, philosophischen Extra-Eiereien! Es ist schlicht unappetitlich, was den Enkeln da aufgetischt wird. „Also doch nur für Kinder, diese Diliteratur?“ - „Höchstens!“, sagt TITEL, „doch leider werden einem die Käuferlein schon recht bald weggeschnarcht sein.“ - „Eric-Emmanuel Schmitt ist deutscher Publikumsliebling! Dem fährt man nicht so leichthin durch die geläuterten Zeilen.“ – „Ja und? Applaus ist doch nur das Echo des bestehenden Stumpfsinns unserer paneuropäischen Bildungsnaivität - sentimentalisch und blind!“ Dabei sind die hübsch gekleisterten Bildchen, wie sie uns Schmitt liefert, ähnlich banal wie Fußgängerzonenkunst. Nur - sie beanspruchen unendlich viel mehr: historische Weite, utopischen Glauben, aufgeklärte Toleranz und wie diese ganze Soße sonst noch heißen mag.
Weinen bis Blut kommt
Dieses Ungleichgewicht ist es letztlich, das beim Lesen/Hören in einem reißt. „Der Mann, der die Welt zum Weinen bringt“ heißt es da über den Franzosen. Recht verstanden, verdient hier also einer sein Geld damit, vor unser aller Augen hübsche Glasperlen aus dem Sumpf der katastrophischen Vergangenheit zu bergen. Tja, der 60-Jahre-Abstand scheint dieserart Sentimentalitäten möglich zu machen, vielleicht sogar zu verlangen. Und da beginnt das wirkliche Problem - die völlige Umkehrung einer ach so guten Intention...
Christoph Pollmann
Eric-Emmanuel Schmitt: Das Kind von Noah
Hörspiel mit Ernst Jacobi, Lukas Schreiber u.v.a.
1 CD, Laufzeit: 74 min.
Erschienen bei: DAV
Produktion: WDR
Preis: 14.95¤
ISBN 3-89813-392-3