Wolf Biermann: Das ist die feinste Liebeskunst
16.06.2005
Feiste Liebeskunst aus geschnauztem Mund
„Freund, laß dein` Sommer nicht des Winters Beute sein / Dein Selbst braucht `ne Phiole für ein Destillat / von deinem Wesen. [...]“ Manchmal etwas grob gemeißelt und bisweilen etwas dissonant im Gegensatz zu Versen wie „In Blütenknospen bricht im Mai noch Eiswind ein“ oder „Oft brennt das goldene Himmelsauge lichterloh“. Wenn dann noch Biermanns Raubeingitarre und seine pastorale Halunkenstimme sich dazumengen, wird das Gebilde endgültig zur Geschmackssache.
Mit einigem Schwung - sei´s der ewigen Rebellion gedankt, sei´s Alterssturm und reifer Drang - mischt sich Biermann in die Kulturbetrieblichkeiten rund um Shakespeare, diesem King-Kong auf dem Elfenbeinturm. Was ihm dabei gelungen ist, ist zumindest die Lesbarkeit der durch Tieck und Schlegel geprägten Übersetzungen für einen Großteil Rezipienten sicherlich erhöht zu haben. Sein Ansatz gibt sich dabei anti-elitär, denn Shakespeare selbst, so Biermann, sei wesentlich vulgärer gewesen, als wir Deutschen immer gedacht hätten. Ah so, und Biermann erklärt sich jetzt also zum wahren Verkünder der klassischen Sau! Das muss in die Hose...
Ein Oswald Kolle der Hochliteratur?
Und leider gerät dem Dauerdissidenten Biermann genau dies zur Attitüde. Er verfängt, verliebt sich in den eigenen Ansatz so sehr, dass die Stimmigkeit des Ganzen - hin- und hergerissen zwischen Lendenschwere und Geistesleichtigkeit - gehörig ins Wanken gerät. Da wird Shakespeare „zerdacht“, „zernichtet“, „brutal“ und „glupschig“, „da pumpt ein Herz ein anderes“. „Warum hab ich kein´ Bock auf diese zeitgeisthochgestylte Modereimerei?“ fragt sch nicht nur das lyrische Ich beizeiten, sondern auch der Leser, dessen Stirn tief und tiefer runzelt. Doch anti-zeitgeisthochgestylte Modereimerei ist nicht die Waffe, Herr Biermann, mit der sich die Windmühlen bekämpfen lassen, deren Flügel Sie hier zu stutzen trachten! Beileibe nicht. Seien wir ehrlich, irgendwie war das schon immer ein Biermann-Problem: Inhalt und Form kamen selten harmonisch zur Deckung. Er vergreift sich im Ton, dem ewig-eifernden, vergreift sich in den Saiten, den ewig-plärrenden. Und diesmal gibt´s gar noch ein Notenbuch mitgeliefert, um ihm vollends nachzueifern, nachzuplärren.
Shakesbier & Pearmann
Dem Engländer, dem genialen Dreckschwein, dem der menschliche Sumpf stets so überirdisch geriet, juckt die Schwarte dabei kaum. Ihn zu übersetzen bleibt ohnehin eine ewigkeitsverdammte Sisyphusarbeit, denn der Stein bleibt nie oben, was heißt, eine perfekte Übersetzung wird es nie gegeben haben. Und wenn Biermann sich nun den Abhang hinaufquält und –quengelt, warum nicht? Es ist ja nur eine Episode am Fuße des Massivs.
Christoph Pollmann
Wolf Biermann: Das ist die feinste Liebeskunst
Shakespeare-Sonette - Ein Liederzyklus
1 CD mit Notenbuch, Laufzeit: ca. 80 min.
Erschienen bei: Zweitausendeins
Preis: 16,90 ¤
ISBN 3-934011-24-1