M. Sjöwall/P. Wahlöö: Der Mann auf dem Balkon
23.06.2005
Schweden – ein trauriges Balkonien
1970 in deutscher Sprache erschienen, 1987 als Hörspiel produziert, 2005 in der günstigen pocket-Reihe wieder aufgelegt: Der Mann auf dem Balkon von Sjöwall/Wahlöö.
Müde erscheint alles und jeder im Wohlfahrtsschweden der 60er, 70er Jahre. Die Neurosen stehen kurz vor dem Ausbruch, die zwischenmenschlichen Beziehungen sind alle im Eimer: man hört sich nicht zu, belügt sich, verheimlicht, kennt sich schlicht nicht. Einzig das Verbrechen hält den sozialdemokratischen Apparat noch irgendwie auf Trab, nur Perversion wühlt das satte Bürgertum noch auf und stellt das System als Ganzes in Frage. Oder bestätigt es?Der dritte Roman von Sjöwall/Wahlöö nimmt die Thematik des ersten Romans Die Tote im Götakanal (1968) wieder auf. Einem Sexualverbrecher fallen drei Kinder zum Opfer. Wieder ist der Mörder eine bedauernswert unauffällige Kreatur, Ausschussware einer skandinavischen Riesenmaschinerie für soziale Gerechtigkeit. Natürlich ist die Pointe des Romans, dass die Bürgerlichkeit letztlich der Quell dieser Verbrechen ist, was in der Zuspitzung bedeutet: Kriminalität hat eine notwendige soziale Funktion, ist letztlich unabdingbarer Teil des Systems selbst. Entlang dieser Kante, zwischen Erkenntnis und Verdrängung, agieren alle Personen und stolpern über das Hochseil des gelobten Glücks.
Unterm Strich ein Sieg des Gutgemachten
Düster und packend, schreibt der Verlag, sei die Regie von Henning Venske. Sie ist zumindest sehr detailverleibt, was die Produktion auch durchaus wiederhörenswert macht. Die Dialoge sind ausgeklügelt, die Räumlichkeit der Szenen souverän durchkomponiert. Ein Stilmittel wird jedoch allzu oft bemüht: alles endet in verschlingendem Fade-Out. Das unterstützt zwar den Eindruck des Ermüdeten, des verhängnisvoll sich Wiederholenden und Unentrinnbaren und hat solcherart vielleicht auch seinen ästhetischen Anspruch, jedoch – es schlägt dem Hörer allzu mächtig aufs Gemüt und macht das knapp einstündige Hörspiel unnötig langatmig. Die Bearbeitung des Romans ist dabei nämlich wirklich gelungen. Einzig der Hintergrund von Drogen und Jugendkriminalität, den der Roman inszeniert, wird hier nahezu völlig ausgeblendet. Insgesamt ist die Dramaturgie jedoch stimmig und könnte schwungvoll sein. Trotz allem bleibt aber: eine wirklich gute Produktion, basierend auf einem intelligenten Text, gesprochen von leidenschaftlichen Sprechern unter einer ambitionierten Regie, der etwas weniger Konzeptionalismus durchaus gut getan hätte.
Christoph Pollmann
Maj Sjöwall/Per Wahlöö: Der Mann auf dem Balkon
Hörspiel mit Bodo Primus, Kornelia Boje u.v.a
1 CD, Laufzeit: 59 min.
Erschienen bei: Der Audio Verlag
Preis: 7,95 ¤
ISBN 3-89813-382-6