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Samstag, 26. Mai 2012 | 01:00

 

Marlen Haushofer: Wir töten Stella

15.12.2005

Die Mitschuld des Beobachters

Fette Schlagzeile in der Boulevardpresse:
Autofahrer ließ Unfallopfer am Straßenrand verrecken! Mitmenschen ihrem eigenen Schicksal zu überlassen, weckt bei uns Beklommenheit und Wut. Was aber, wenn innerhalb der Familie wider besseres Wissens weggeschaut wird?

 

Die Ich-Erzählerin Anna berichtet von den Ereignissen, die zum Selbstmord der 19-jährigen Stella führten. Es ist eine Beichte, denn Anna unternahm nichts, um Stella zu retten. Einzig darauf bedacht, ihrem Sohn Wolfgang eine „heile Familie“ vorzuspielen, nahm sie es sogar hin, seit Jahren von ihrem Ehemann Richard betrogen zu werden. Der machte sich nicht einmal die Mühe mehr, Lippenstiftreste zu entfernen, denn Richard ist sich der Treue seiner Frau absolut sicher. Als dann für einige Monate Stella zur Untermiete einzieht, ist es für Richard ein Leichtes, das naive Mädchen zu verführen. Doch schon bald verliert er das Interesse an ihr und wendet sich neuen Abenteuern zu. Stella verzweifelt und bringt sich schließlich um.
Stellas Tod, von Anna gleich einem Menschopfer auf dem Altar der Familie dargebracht, wird nicht in der herkömmlichen Weise beklagt. Anna weist sich zwar die Schuld zu, ist aber nicht bereit, Sühne zu tun. Sie bricht nicht aus, sondern schaut sogar tatenlos zu, wie ihr Mann sein nächstes Opfer sucht. Nur auf Wolfgang wirkte Stellas Tod wie ein Erweckungserlebnis – er kehrt der Familie den Rücken und lässt seine Mutter in ihrem selbstgebauten Gefängnis namens Ehe zurück.

Von der Kälte des Schmerzes

Marlen Haushofers Protagonistin ist eine ambivalente Frauenfigur, die, zerrissen zwischen Rollenanpassung, Selbstaufgabe und unterdrückter Eigenständigkeit, in einer von einem brutalen Patriarchen dominierten Welt lebt. Dabei bedient sie sich einfach geschriebener Sätze, deren kühle Diktion in starkem Kontrast zu der geschilderter Katastrophe stehen. In der Lesung durch Elisabeth Schwarz bleiben diese Kontraste zwischen Handlung und Sprache erhalten. Ihre Stimme klingt nicht sanft, verständnisvoll und um Mitgefühl heischend, sondern eher hart und abweisend. Dies führt dazu, dass aus der vermeintlich reuigen Beichte eine trotzige Rechtfertigung wird.

Fazit: Eindringliche Analyse einer Familientragödie, die in schlicht beginnt, aber schnell eine geradezu katastrophale Eigendynamik entwickelt.

Wolfgang Haan


Marlen Haushofer: Wir töten Stella
Novelle gelesen von Elisabeth Schwarz
2 CDs, Laufzeit: 212 Minuten
ISBN: 3-89903-226-8
Preis: ¤ 19,90

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