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Samstag, 26. Mai 2012 | 01:00

 

Frank McCourt: Die Asche meiner Mutter

29.01.2006

In den Gassen von Limerick
Hier spielen zerlumpte und abgemagerte Kinder zwischen Pfützen, Abfall und Kloake. In den Hauseingängen stehen die Mütter und unterhalten sich darüber, welche karitative oder kirchliche Einrichtung man heute wohl am besten aufsucht. Ihre Männer sind entweder abgehauen oder kommen nur nach Hause, um ihren Rausch auszuschlafen oder um Frau und Kinder zu verprügeln. Die Jungen müssen schon früh mit anpacken und für ein paar Pence harte Tagelöhnerdienste leisten. Und wer sich dem Willen der Kirche widersetzt, bekommt die ganze Macht und Grausamkeit der Stellvertreter Gottes auf Erden zu spüren.

 

Dies ist keine Beschreibung des Londons von Charles Dickens aus dem Jahre 1850, sondern traurige Realität einer Kindheit in den Armenvierteln Irlands nach dem ersten Weltkrieg. Lesen und Schreiben gehört nicht zu den Dingen, die ein Junge in dieser Welt können muss. Schulbesuche sind allenfalls geduldet und werden unterbunden, sobald der Nachwuchs kräftig genug ist, mitzuarbeiten und ein Glas Bier zu halten.

Frank McCourt erzählt in seinem preisgekrönten Roman „Die Asche meiner Mutter“ von seiner eigenen Kindheit. Dabei geht er keineswegs schonungsvoll mit der Wirklichkeit und den darin agierenden Menschen um. Besonderes Augenmerk legt er dabei auf die vielen Sorgen, die seiner Mutter das Leben vergällen. Trotz aller Widrigkeiten schafft sie es dennoch immer wieder, die Familie zusammenzuhalten und „durchzubringen“. Die Kraft, gegen das eigene Schicksal anzukämpfen, bezieht McCourt aus dem christlichen Glauben und einem ungeheuren Überlebenswillen. Nicht ohne Ironie erzählt er von den vielfältigen Versuchungen, denen er fast erliegt und die er nur kraft seines Glaubens schadlos übersteht. Der Erzählstil ist naturgemäß schlicht, da das Buch aus der Sicht eines Jungen, später Jugendlichen, erzählt wird. Dabei bleibt der Roman jedoch aufgrund der Detailfreude des Autors immer packend und unglaublich realitätsnah.

Im Verlag Steinbach Sprechende Bücher ist jetzt die ungekürzte Lesung dieser irischen Kindheit erschienen. Wäre allein dies schon Grund genug für jeden Hörer anspruchsvollerer Literatur, in Jubel auszubrechen, so übertrifft Christian Brückner als Sprecher alle Erwartungen, die man im Vorfeld an die Beste aller möglichen Interpretationen stellen konnte. Egal ob Beobachter, Ich-Erzähler, zeterndes Kind, besoffener Vater, bigotter Kleriker oder neidische Nachbarin - stets trifft er den perfekten Ton! Nicht umsonst zählt er seit Langem zur absoluten Spitze der deutschen Sprecher und es gibt nur wenige Kollegen, denen eine solche Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung steht wie Christian Brückner. Auch diesmal schafft er es auf bewunderungswürdige Weise, die Atmosphäre des Romans einzufangen, ohne jemals Gefahr zu laufen, die Ironie zu überzeichnen oder Elend und Verzweiflung romantisierend zu verharmlosen. Den Charakteren verleiht er die notwendige Lebendigkeit und bleibt trotz des ernsten Hintergrundes dem optimistischen und lebensbejahenden Stil des Buches stets treu. Bravo!

Wolfgang Haan


Frank McCourt: Die Asche meiner Mutter
Sprecher: Christian Brückner
Übersetzer: Harry Rowohlt
14 CDs, Laufzeit: 1050 min.
ISBN 3-88698-836-8
Erschienen bei: Steinbach Sprechende Bücher
Preis: 44,90 ¤

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