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Samstag, 26. Mai 2012 | 01:01

 

Max Frisch: Stiller

16.02.2006

Suche nach Identität
„Ich bin nicht Stiller“ sagt Mr. White nach seiner Verhaftung bei dem Versuch, die Schweizer Grenze zu überqueren. Doch alle Indizien sprechen gegen ihn. Selbst Stillers Frau, dessen Verwandte, Bekannte, Freunde und Kollegen kommen alle zu dem selben Urteil: Der Mann, der dort in der Zelle sitzt, ist Ludwig Anatol Stiller. Doch Mr. Jim Larkin White beharrt auf seiner Aussage. Bis zweifelsfrei geklärt werden kann, wer denn nun in der Zelle einsitzt, weigern sich die Schweizer Behörden, den mysteriösen Gefängnisinsassen zu entlassen.

 

In Max Frisch Roman „Stiller“, der 1954 erschien, möchte ein Mann nicht der sein, von dem alle glauben, das er es ist. Objektiv betrachtet ein mäßig erfolgreicher Maler, der mit einer kränkelnden Primaballerina verheiratet ist, leidet Stiller daran, in einem entscheidenden Augenblick seines Lebens versagt zu haben. Während des Kampfes der Kommunisten gegen die Franco-Faschisten in Spanien brachte er es nicht über sich, drei feindliche Soldaten zu erschießen.Seit dieser inneren Niederlage versuchte Stiller, auf anderen Wegen seine Unerschrockenheit und Männlichkeit zu beweisen. Doch statt wie ein Hemingwayscher Held den Stier bei den Hörnern zu packen, fand er nie den Mut, den begonnenen Weg konsequent zu Ende zu gehen. So versagt er auch in seiner Ehe mit Julika. Von allen umworben und umschwärmt, erliegt diese dem Werben Stillers, weil sie ihn für einen außerordentlich einfühlsamen, rücksichtsvollen und künstlerischen Menschen hält. Doch schon kurz nach der Eheschließung muss Julika erkennen, dass sie sich in Stiller getäuscht hat und dieser ein kleingeistiger Spießer ist, der vor Selbstzweifel und Selbsthass nicht in der Lage ist, die Realität wahrzunehmen. Er zieht sich in sein Bildhauer-Atelier. Als er dann eine leidenschaftliche Affäre beginnt, schafft er es nicht, seine Frau zu verlassen und sich zu seiner Geliebten zu bekennen. Anstatt sich zwischen den beiden Frauen zu entscheiden, flieht er nach Amerika. Aber auch hier findet er keinen Frieden und weiß letztendlich keinen anderen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen.

Rollenspiele

Ein Großteil des Romans ist eine Art Tagebuch, welches von White in seiner Zelle verfasst wird. Dort trägt er alles ein, was er über Stiller erfährt und kommentiert gleichzeitig voller Ironie und Sarkasmus seine Erkenntnisse über den vermeintlichen Kontrahenten. White ist genau so, wie Stiller gerne gewesen wäre: Unabhängig, erfolgreich und zupackend hat White seinen Weg in Amerika gemacht. So muss ein Mann sich die Welt unterwerfen! Ist White nur ein Alias, ein Gedankenkonstrukt von Stiller? White kann nicht Stiller sein, denn Stiller würde sich selber im Weg stehen bei dem Versuch, sein Leben von Grund auf zu ändern. Über dem Grübeln, wie er gerne sein würde und was ihm alles verwehrt ist, vergisst Stiller, auch nur einen einzigen Schritt in irgendeine Richtung zu tun. Bewegungslos im Zentrum seiner Unfähigkeit verharrend bejammert er sich und bemerkt dabei nicht, dass nur seine Untätigkeit dazu führt, dass keine Änderung in seinem Leben eintritt.Ulrich Matthes versteht es, genau diese Zerrissenheit, das Schizophrene in Whites Charakter zum Ausdruck zu bringen. Wie Säure in das nackte Fleisch brennt sich seine vor Sarkasmus triefende Stimme, wenn er Stillers Versagen kommentiert. Vor innerlichem Vergnügen glitzern Whites Augen, wenn er den Gefängniswächter mit seinen imaginären Verbrechen konfrontiert und auch das versteht Ulrich Matthes dem Hörer zu imaginieren. Doch White ist nicht gefühllos. In den wenigen Augenblicken, wenn Zweifel hinsichtlich seiner Identität aufflackern, schürt auch Ulrich Matthes dieses Züngeln der Unsicherheit beim Hörer. Zu keiner Zeit verliert er die Kontrolle über den Roman, drängt sich dabei erfreulicherweise nicht durch unnötige Sperenzien in den Vordergrund, sondern bringt die innere Zerrissenheit der Protagonisten in grausiger Genialität zum Klingen. Fazit: Identitätssuche auf hohem literarischen Niveau. Die Lesung von Ulrich Matthes - nahezu perfekt.

Wolfgang Haan


Max Frisch: Stiller
Sprecher: Ulrich Matthes
Erschienen bei: Hoffmann und Campe
8 CDs, Laufzeit: 572 min.
ISBN 3-455-30394-3
Preis: 35 ¤

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