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Samstag, 26. Mai 2012 | 01:47

 

Buchholz/Gerlach: Lord Haw-Haw

24.05.2006

Germany calling!
Da lässt sich doch tatsächlich ein Angelsachse dazu herab, im Dienste der Nazis Propaganda zu betreiben – gegen sein eigenes Volk! Sein Spitzname: Lord Haw-Haw, der Näsler, Goebbels Liebling. Acht Millionen Engländer lauschten den rhetorischen Eskapaden von William Joyce, diesem - von Hitler einmal abgesehen - meistgehassten Mann der Welt.

 

Seit 1923 war er Mitglied der „Britischen Faschistenunion“ und ein fanatischer Antisemit. So fanatisch, dass er aus der für seinen Geschmack zu gemäßigten BUF wieder austrat und die „Nationalsozialistische Liga“ gründete. Der Geheimdienst MI5 hatte ihn bald im Visier, verfolgte ihn, und so geriet Joyce schließlich nach Deutschland, ins Mutterland seiner Überzeugungen. Nach dem Krieg wurde er zum Tode verurteilt - übrigens als letzter Zivilist in der britischen Rechtsgeschichte wegen Hochverrats. Der Journalisten Richard Preis - eine fiktive Figur, gesprochen von Ulrich Noethen - führt uns in einem dokumentarischen Hörspiel durch die Jahre des Zweiten Weltkriegs und per Interview in die Personenkreise rund um diesen höchstseltsamen Vierschröter und Saufbold, der keine Freunde hatte, dennoch als umgänglicher Kerl galt und selbst Nazideutschland als Paradies der guten Gebisse und anständigen Menschen ansah. Seine zerschnittene Visage jedenfalls war zum Fürchten. (Auf manchen Aufnahmen sieht er aus, als sei er einem Gemälde Georg Grosz´ entstiegen.) Und bald schon sprachen selbst die Engländer ihm die Zaubermacht zu, Bomber am Himmel dirigieren zu können...

Eine unglaubliche Geschichte

Diesem Hörspiel, dieser ganzen unfassbaren Geschichte, die zwischen Lächerlichkeit und Monstrosität schwankt, den rechten Schwung zu verleihen, schafft das Autorenduo Johann Buchholz und Daniel Gerlach dann leider nicht. Die Konstruktion kommt allzu steif daher, die Szenen wirken allzu hingestellt, sauber und aufgeräumt, als dass so etwas wie wirkliche Spielfreude aufkeimen könnte. Die einzeln inszenierten Interviews bestechen dann allerdings durch echte Stilsicherheit und atmosphärische Dichte. Ein weiterer Pluspunkt: Auf diese doch etwas akademische Weise wird der Informationsgenauigkeit auf vielleicht angenehmste Weise Rechnung getragen. Die Wahrheit wird nicht vollends an den zwiespältigen Unterhaltungswert der Story verkauft. Auch sind die Szenen sorgsam angelegt, mit viel Gespür für die Spannungsmomente zwischen den Figuren. Die gesamte Sprecherriege ist exquisit und macht die insgesamt etwas trocken daherkommende Komposition verträglicher. Ein Erstling von Jungautoren – das wird beizeiten ersichtlich...Bei der Rede, welche die zweifelhaften Karriere von William Joyce unter den Nazis beenden sollte, war dieser übrigens „voll wie ein Panzerrohr“. Dem Hörer wird der Live-Auftritt aus den Archiven des Großdeutschen Rundfunks nicht vorenthalten.

Christoph Pollmann


J.Buchholz/D.Gerlach: Lord Haw-Haw, Hitlers englische Stimme
Dokumentarisches Hörspiel mit Ulrich Noethen u.a.
1 CD, Laufzeit: 59 min.
Erschienen bei: Random House
ISBN 3-86604-115-2
Preis: 9,95 ¤

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