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Samstag, 26. Mai 2012 | 01:48

 

Haruki Murakami: Afterdark

29.05.2006

Nur sieben Stunden...
Japanische Autoren haben es häufig schwer, im westlichen Kulturkreis Fuß zu fassen. Wohl weil im fernöstlichen Alltag Mystik, Religiosität und Spiritualismus eine weitaus größere Rolle spielen als im „aufgeklärten“ Westen. Doch langsam nimmt auch bei uns die Faszination dieser Lebensanschauung immer weiter zu, zumal die Riege der hochklassigen japanischen Schriftsteller immer häufiger auch ins Deutsche übersetzt wird.

 

Der hierzulande wohl bekannteste japanische Autor, Haruki Murakami, veröffentlicht jetzt bei DEUTSCHE GRAMMOPHON LITERATUR seinen neuesten Roman „Afterdark“ als vollständige Lesung durch Ulrich Matthes.

Mit einer langen Kamerafahrt beginnt der Roman. Er wird in einem Schnellrestaurant enden. Die imaginäre Kamera fokussiert auf ein junges, typisch japanisches Mädchen, das an einem Tisch sitzt und ein dickes Buch liest. Vor ihr steht eine Tasse Kaffee, an der sie von Zeit zu Zeit nippt, mehr aus Gewohnheit denn aus Durst oder Genuss. Ein junger Mann, Takahashi, betritt den Imbiss, schaut sich nach einem freien Platz in dem gut besuchten Lokal um und steuert dann den Tisch des Mädchens mit dem Namen Mari an, wo er umstandslos Platz nimmt mit dem Hinweis, er werde nicht lange bleiben, nur einen Salat essen und keinesfalls stören. Doch entgegen seinem Versprechen zwingt er ihr unverzüglich ein Gespräch auf, welches den gesamten Roman als roter Faden durchzieht. Maris ursprüngliche Intention, zurückgezogen eine Nacht in der Großstadt zu verbringen, wird dadurch zunichte gemacht. Diese zufällige Begegnung löst nämlich eine ganze Reihe weiterer Ereignisse aus, die zunächst in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen, sich im Romanverlauf jedoch zu einer komplexen Komposition verdichten werden.

Psychodämmerung

In „Afterdark“ betritt Murakami Neuland, ohne allerdings seine literarische Brillanz und Leichtigkeit zu verlieren. Umfassten die beiden Vorgänger „Mister Aufziehvogel“ und „Kafka am Strand“ noch mehrere hundert Seiten, so fällt sein neuster Roman mit 280 Seiten und einem erzählten Zeitraum von gerade mal sieben Stunden reichlich knapp aus. Die Figuren werden aus einer eher distanzierten, an eine Kameraperspektive erinnernde Erzählposition betrachtet. Die vielen Gespräche, bei denen Gesten oder Gesichtsausdrücke mehr über die Intentionen, Gefühle und Motivationen der Personen preisgeben als das gesprochene Wort, entsprechen einer literarisch bewusst gewählten Visualisierung, entgegen etwa überbordender Darstellungen von Psychowelten. Trotz aller Änderungen bleibt Murakami seiner Linie treu, denn die Neuerungen erscheinen nicht als Experiment oder Konzession an den Literaturmarkt, sondern fügen sich durchaus nahtlos in die Reihe seiner bisherigen Werke ein. Darüber hinaus stellen sie eine großartige Bereicherung und gelungene Weiterentwicklung seiner literarischen Möglichkeiten dar. Gerade das verhaltene, aber tendenziell positive Ende des Romans lässt auf eine Fortsetzung dieses Weges hoffen.

Wenn die Stille beredsam wird

Ulrich Matthes hat bereits „Mister Aufziehvogel“ für DEUTSCHE GRAMMOPHON LITERATUR in einer Aufsehen erregenden Lesung besprochen und liest nun „Afterdark“ mit seiner unvergleichlich filigranen Art sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten. Das Besondere an Ulrich Matthes ist, dass er es nicht nötig hat, mittels sprachlicher Clownerien jedem neuen Charakter eine andere Stimme zu verleihen, sondern allein durch nuancierte Änderungen in der Aussprache, Lautstärke, Sprechgeschwindigkeit oder dem bewussten Einsetzen der viel zu oft vernachlässigten Pausentechnik dem Hörer ein perfekt auf den entsprechenden Charakter zugeschnittenes Bild zu vermitteln. Über dieses Können verfügen nur noch Christian Brückner, der unvergessenen Gert Westphal sowie Eva Mattes. Doch „Afterdark“ stellt durch seinen teils distanzierten Blickwinkel auf die Handelnden und die Diskrepanz zwischen beschriebener Optik und Sprache völlig neue Anforderungen an den Sprecher. Glaubte man schon, Ulrich Matthes habe mit der Lesung von Colum McCanns „Hungerstreik“ seinen persönlichen Zenit erreicht, so muss man dieses Urteil jetzt als vorschnell zurücknehmen. Die Teile des Romans, aus denen die Kälte der Großstadt spricht, werden von ihm in wunderbar lakonischem Ton vorgetragen, sodass ein kaltes Frösteln erzeugt wird, aus dem man erst auftaut, wenn Ulrich Matthes beginnt, den Figuren Konturen und Lebendigkeit zu verleihen. Dabei bedient er sich eines ebenso einfachen wie genialen Kunstgriffes: Er macht die Stille beredsam und lässt dem Hörer genau die Zeitspanne, die dieser benötigt, um das Gehörte mit dem bei ihm erzeugten Gefühl in Einklang zu bringen. Wunderbar.

Wolfgang Haan


Haruki Murakami: Afterdark
Gelesen von Ulrich Matthes
5 CDs. Laufzeit: 330 min.
ISBN 3829116101
Erschienen bei: Deutsche Grammophon
Preis: 29,90 ¤

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