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Colum McCann: Hungerstreik

01.06.2006

Der Junge und das Meer
Der in Amerika lebende irische Schriftsteller Colum McCann erinnert mit seiner Erzählung „Hungerstreik“ an den in Nordirland tobenden Bürgerkrieg in den 80er Jahren. Hierbei geht es ihm nicht darum, Stellung zu beziehen, die politische Lage zu analysieren oder gar Schuldzuweisungen auszusprechen. Vielmehr liefert er ein psychologisch stimmiges, atmosphärisch dichtes und literarisch durchaus exaltiertes Stimmungsbild der irischen Gesellschaft.

 

Den realen Hintergrund der fiktiven Kurzgeschichte bildet eine bis dahin beispiellose gewaltlose Protestaktion mutmaßlicher inhaftierter IRA-Mitglieder, welche 1981 in einen Hungerstreik traten, in dessen Verlauf 11 Menschen starben, ohne das eine der gestellten Forderungen erfüllt wurde.

Im Mittelpunkt steht der 12-jährige Halbwaise Kevin, der seit kurzem mit seiner Mutter in einem abgeschieden gelegenen Wohnwagen an der irischen Küste lebt. Kevin gefällt es hier überhaupt nicht. Viel lieber wäre er in Londonderry geblieben. Doch nachdem sich dort immer mehr Kinder und Jugendliche Straßenschlachten mit englischen Soldaten liefern, flieht seine Mutter in die vermeintlich ungefährliche ländliche Gegend. Hier erreicht sie die Nachricht, dass auch Kevins o­nkel an dem Hungerstreik teilnimmt. In der Welle der Gefühle, die Kevin zu übermannen droht, schwingt neben Ohnmacht und Verzweiflung auch Kampfgeist und Trotz mit. Von dieser neuen Stärke begeistert, stürzt sich auch Kevin in einen Hungerstreik. Doch schon am zweiten Tag wird er weich, schleicht sich in einen Imbiss und verlässt diesen weinend und „mit nach Essig stinkenden Fingern“.

Dies ist im Hörbuch eine der ersten Stellen, an welcher Ulrich Matthes sein ganzes Können unter Beweis stellt, denn sein Vortrag vermittelt die Vielzahl der hinter dem Gefühl der Scham des Versagens versteckten Emotionen und gibt einen großartigen Blick frei auf den Sinneswandel eines mitten in der Pubertät steckenden Jugendlichen.

Die pubertäre Suche nach Identität

Der Zeitraum von etwas mehr als 60 Tagen, in denen die Kurzgeschichte spielt, wird auf verschiedenen Ebenen inszeniert, die kunstvoll miteinander verbunden sind. Zum einen ist da die Außenwelt, in der Nachrichten aus Presse und Rundfunk mitgeteilt werden. Größere Aufmerksamkeit widmet der Autor dem Meer, dem Schachspiel und der aufgewühlten Gedankenwelt Kevins. Neben pubertär erotischen Phantasien eines Jungen spielen Rachegedanken und Identitätssuche eine große Rolle. Er will (noch) nicht der Mann der Familie sein und sucht in Gedankenspielen Zuflucht, versucht auch, Erinnerungen an seinen verunglückten Vater heraufzubeschwören und, als dies nicht gelingt, seinen ihm fremden o­nkel an seine Stelle zu setzen. Doch dieser Versuch ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, und Kevin findet erst etwas Halt beim einem alten Litauer, der ihn in seinem Kajak mit hinaus aufs Meer nimmt. Hier verbringen sie gemeinsame Stunden beim Rudern. Gerade aus diesen Momenten zieht Kevin sowohl körperliche als auch psychische Kraft. Durch den überwiegend wortlosen Dialog zwischen Mann, Kind und Meer entwickelt Kevin eine Möglichkeit, Selbstbewusstsein und Erkenntnisse zu erlangen durch Beobachtung und Kontemplation.

„Scheiß auf die Queen!“

Ulrich Matthes spuckt uns Kevins Fluch förmlich um die Ohren: „Scheiß auf die Queen!“ brüllt er voller Hass und mit dem Wissen, dass nichts seinen o­nkel wird retten können. Besonders erschütternd sind die Momente, in denen Kevin versucht, seinem o­nkel nachzueifern und an den eigenen Bedürfnissen scheitert. Ulrich Matthes vermittelt dies genauso perfekt wie die erwachenden körperlichen Bedürfnisse des Pubertierenden oder die Eifersucht, die er empfindet beim Anblick seiner sexy angezogenen Mutter auf dem Weg zur Arbeit im örtlichen Pub. Punktgenau trifft er die Stimmung, welche den einzelnen Handlungsebenen innewohnt. Und so frotzelt er genüsslich, wenn Kevins Mutter diesen wegen Übertretungen der „Hausordnung“ maßregelt, bricht in kehliges Lachen aus, wenn der Litauer Kevin wieder einmal freundschaftlich auf den Arm nimmt und flucht wie ein Kesselflicker, wenn Kevin seiner Verzweiflung und Wut Luft machen muss. Sachlich die Passagen, in denen Kevin Schach spielt, nachdenklich beim Rudern, selbstverliebt bei der Eigenwahrnehmung Kevins, wandelt sich die Stimmlage von Ulrich Matthes virtuos.

Wieder einmal ist es ihm zu verdanken, die Vielschichtigkeit der exzellenten literarischen Vorlage dem Hörer nahe zu bringen und ihn tief in die Welt von Colum McCanns Irland eintauchen zu lassen.

Wolfgang Haan


Colum McCann: Hungerstreik
Ungekürzte Lesung von Ulrich Matthes
3 CDs, Laufzeit 175 min.
ISBN 3-936384-65-7
Erschienen bei: Mare Buch Verlag
Preis: 19,90¤

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