Claus von Wagner: Der Rest ist Schweigen
19.06.2006
Schmale Schultern, breite Brust
Das Matheheftpapier und der Teddy auf dem Cover lassen Schlimmes ahnen. Abi-Kabarett? Der Titel kommt dann wieder ganz im Bildungsbürgergewand daher: Der Rest ist Schweigen. Claus von Wagners Solo-Programm wurde vom Feuilleton mit Lorbeeren nur so gespickt.
Was soll man von diesem Cover halten. Frühreife Klugscheißerei? Aber dann mag man ihn sofort. Von Wagner stürmt einem das Herz, als sei es eine leere Partybude. Der Mann ist 28, renitent und irgendwie verquasselt. Das Leben seines alter ego, Isaak Nix, ist eine einzige Panne. Aber nicht einmal den Reifenwechsel kriegt er hin. Es ist eher so, als stehe Nix neben dem ganzen Malheur, das sein eigenes ist, und beschwere sich über die Widrigkeiten erwachsenen Seins. Zu tief geht von Wagner bei dieser Befindlichkeitsanalyse jedoch nicht. Es könnte seinen Zuschauern sonst die Lachbereitschaft verhageln. Zu weit geht er auch nicht. Mutter könnte enttäuscht sein. Die große weite Welt kommt allerdings immer wieder zu ihrem Recht. Dabei dient das ausgespannte Panorama dazu, Isaak komplett einschrumpfen zu lassen, um ihn später - bepumpt mit viel heißer Luft - nur wieder umso größer erscheinen zu lassen. Nix ist das Wandelbalg unserer Zeit, ein fügsamer Protestierer, ein angepasster Querulant, ein Westentaschenanarchist, nicht der Sand, sondern das naturtrübe Olivenöl im Getriebe unserer Zeit.
Sehr konsequent erscheint da von Wagners neues Programm „Im Feld“. Straff komponiert durch die wirklich ordentliche Arbeit seines Regisseurs, Florian Hoffmann, und thematisch aufbauend auf „Der Rest ist Schweigen“. Sogar die Krisen werden existentieller. Zumindest ein wenig. Nach der Ein-Meter-Brett-Kunst des ersten Programms stehen wir nun etwas knieweicher auf dem Drei-Meter-Turm. Die rhetorische Köpfer erscheinen uns nun eleganter, die Arschbomben der Komik spritzen mehr, vergeigte Bauchplatscher – kaum noch.
Etliche Auszeichnungen pflastern von Wagners Weg, dabei geht er kompromisslos über die Leichen, die er aus dem Keller seiner Kindheit holt. Von Wagner hat alles erreicht, wovon ein Zugezogener wie er im Freistaat nur träumen kann. Politik, Kindheit, Studium, Bundeswehr und Liebe – Wagner kann wirklich viel. Und er hat weder Angst vor dem flachgehaltenen Witz, der uns kurz schüttelt, noch vor der globalen Dimension, die uns zu gerupften Gänsen macht. Wann erhält er den verdienten Kabarettpreis, fragt man sich.
Trotz aller Attacken, die er reitet, ist und bleibt er ein Netter, nie bösartig, immer gefühlsbetont, ja fast gefühlsduselig den Verlorenen mimend. „Früher haben wir alles mit Käse überbacken, was wir zwischen die Finger kriegten“, sagt Isaak. Auch von Wagners Humor ist so. Selbst über seinen gröbsten Bösartigkeiten liegt stets ein Hauch vom duftenden Emmental.
Christoph Pollmann
Claus von Wagner: Der Rest ist Schweigen
Erschienen bei: WortArt
ISBN 3-86604-255-8
Preis: 14,95 ¤