George Saunders: Die furchtbar hartnäckigen Gapper von Frip
21.06.2006
Grundgütiger!
In beruhigendes Meeresrauschen mengen sich plötzlich quäkende Stimmen hinein: Es sind die Gapper! Wie übergroße Kletten stürzen sie sich auf die Ziegen der Bewohner von Frip und machen den Farmern das Leben schwer. Am meisten allerdings hat Serena darunter zu leiden, ein junges Mädchen, dessen Mutter verstorben und dessen Vater ein bornierter Prinzipienreiter ist. Aber auch die Nachbarn sind keine große Hilfe bei der Bekämpfung der Gapperseuche. Als Serena am Ende ihrer Kräfte angelangt ist, verfällt sie auf eine so einfache wie geniale Idee...
Gapper müssen aus dem Fell gebürstet und zurück ins Meer geworfen werden. Nur - drei Stunden später sind diese Quälgeister wieder da. Und das alles aus fehlgeleiteter Liebe zu Ziegen. Diese Stadt Frip, in die uns der preisgekrönte Autor George Saunders hineinkatapultiert, ist ein wahrhaft bizarrer Kosmos. So scheint´s zunächst. Doch nach und nach kommt uns alles immer bekannter vor; die Verhaltensweisen der Bewohner erinnern uns doch allzu deutlich an uns selbst.George Saunders hat eine kleine, schrille Parabel von der großen Ungerechtigkeit der Welt geschrieben.
Die Erwachsenen in Frip sind komplett korrumpierte Wesen. Aber auch die Kinder scheinen schon die unerträglichen Untugenden der Großen zu übernehmen. Serena fällt hierbei die Rolle des „Aschenputtel“ zu, ausgenutzt von allen, moralisch aber unbefleckt. Als sie voller Kreativität in die Offensive geht, bricht die krude Denkwelt der Nachbarn mit einem Bums zusammen! Die tote Mutter ist hierbei der heimliche Draht zu einer Vernunft des Herzens, dem Serena folgt – und damit gegen alle Widerstände reüssiert.
Insgesamt stellt sich Saunders recht deutlich gegen ein liberales, bigottes Weltbild des persönlichen Besitztums und der umfassenden Eigenverantwortlichkeit zugunsten eines doch recht deutlich sozialdemokratischen, wenn nicht gar sozialistischen Weltbildes, denn man bedenke: Sogar die Sonne ist in Saunders Welt in der Gewerkschaft organisiert! Und wie nebenbei entkleidet Saunders sogar den Glauben als Selbstvergewisserungsritual, als blinde Bestätigung eigener, vermeintlicher Gutheit. Wider den blinden Egoismus! lautet Saunders Credo. Eine hübsche, kleine, verdauliche Moral, die einem nicht den Magen übersäuert. Große Moral, empfohlen ab neun Jahren.
Zu Beginn etwas anstrengend und überkandidelt in Szene gesetzt verwandelt sich das Hörspiel dann doch noch in ein durchaus unterhaltsames Stück Belehrung. Weitherzigkeit heißt nicht allzu überraschend Saunders Rezept für eine völlig verkorkste Welt. „Das Leben wurde nicht vollkommen, aber besser.“ Das ist doch mal eine deutliche Absage an jegliche Ideologie. Zugunsten eines Pragmatismus des Herzens.
Christoph Pollmann
George Saunders: Die furchtbar hartnäckigen Gapper von Frip
Hörspiel mit Bernhard Schütz, Lena Hartlieb u.v.a.
1 CD, Laufzeit: 55 min.
ISBN 3-86604-112-8
Produktion: Südwestdeutscher Rundfunk
Erschienen bei: Random House
Preis: 9,95 ¤