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Samstag, 26. Mai 2012 | 01:48

 

Deutsche Balladen

17.08.2006

Balladen? – Balladen!

Wer reitet so spät nachts mit dem Kind? Es ist der Vater, er ist durch den Wind! Wer kennt diese Zeilen nicht? Brauchen wir solche Verse doch wie die Luft zum Rülpsen.Diesen Eindruck erwecken zumindest die Verlage, denn es ist schon fast rührig, mit welcher Hartnäckigkeit sie diese gestorbene Literaturform mit neuem Leben zu behauchen suchen.

 

Eine recht pompöse Balladen-Produktion erschien 2004: Feuerreiter mit Joachim Kerzel. Nun ist es Christian Quadflieg, der sich an den Perlen dramatischer deutscher Dichtkunst versucht. Balladen wieder in Mode zu bringen mit hollywooddicker Musik – so scheint der Kulturauftrag zu lauten. Hier von einem Synchronsprecherstar, dort von einem Fernsehlandarzt vorgetragen. Aus drei Jahrhunderten stammen die Texte, und in Zeiten von Pisa-Scham haben solche Produktionen vielleicht sogar wieder die Chance, zu einiger Popularität zu kommen. Letztlich hat die Form bis heute viel zu bieten, weil knapp dramaturgisch raffiniert, oft numinos, aber auch von treffender Komik.

Vergleicht man beide Produktionen miteinander, so fällt eine Ähnlichkeit auf, die geradezu verwundert. Ist die Interpretation von „klassischen“ Texten tatsächlich so fest im Klang vorbestimmt? Das hieße, es gäbe eine undurchdringbare Mauer, eine gezierte Distanz würde unser Verhältnis zu älterer deutscher Literatur bestimmen, ein hoher Tonfall regieren, den endlich mal einer mit aller Frische zerflüstern und zerschreien sollte. Mehr Wagnis, mein Gott! Kerzel ist insgesamt vielleicht einen Deut expressiver im Vortrag als Quadflieg. Doch erstaunlich, ja fast beängstigend ist, wie ähnlich konform die musikalisch-klanglichen Dramaturgien sind. Als kämen Lutz Rahn und Rabih Merhi vom selben Institut für Auftragskomposition.

Christoph Pollmann


Deutsche Balladen: Wer reitet so spät durch Nacht und Wind. Gesprochen von Christian Quadflieg1 CD, Laufzeit: 49 min.Preis: 12,90 ¤ISBN 3-938046-20-1Erschienen bei: Lagato

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