Horst Evers: Mehr vom Tag
14.09.2006
Der Gott der Harmlosigkeit
Es ist wie das Erblicken der bennschen Urgesichte: Ein Mann wacht auf und wird sich der absurden Ausgestaltung der Welt bis in seine tiefste Untiefe bewusst. Einziger Unterschied zu Gottfried Benn: Wir können bei Horst Evers alles, was er erlebt, nachvollziehen und dürfen lachend überleben.
Seine Bühnenperformance ist legendär minimal. Sein Tonfall der immergleiche: von kleiner Trotzigkeit, alltagsverloren, grundsätzlich von hinnehmender Natur und recht selten in Aufbrause. Man mag diesen komödiantischen Geschichtenerzähler harmlos nennen, denn er umgeht, wo er kann, sich die Patschen an heißen Themen zu verbrennen. Stattdessen berührt er mit phlegmatischer Munterkeit die Dinge des Alltags als habe er die goldenen Hände des Königs Midas. Ja, er ist überaus erfolgreich - und das nicht nur in Berlin, seiner Wahlstatt. Aus dem Banalsten den Zustand der Welt abzuleiten, ist auch keine kleine Kunst, selbst wenn es beizeiten ermüdet und man wie Midas nie richtig satt wird. Aber dieser Witzwicht hat seine Klientel und ist überdies der vermutlich beste Botschafter seiner Texte. Man könnte auch sagen: Noch nie waren sich Komposition und Physiognomie so nah... Das Leben als unendliches Abenteuer, tüftelt Evers den Humor aus dem täglichen Einerlei heraus. Besonders Maschinen haben es ihm dabei angetan, das Tückenhaft-Verschlagene der Apparatur. Ihr ist er ausgeliefert als der große Tollpatsch, der Sonderling von mister-beanschen Gnaden.
Bewohner des modernen Babylon
Letztlich ist es aber nicht er, sondern die Welt, die von so absurden Abstraktionsgraden ist, das ein echtes Zurechtfinden unmöglich erscheint. Denn: Was hat die EU-Gigantokratie noch mit dem Einzelnen zu tun? Oder: Alle sprechen voller Empörung oder Verfechtung von Gentechnik, doch keiner - ausgenommen eine winzige Elite - versteht auch nur im Ansatz, was es damit tatsächlich auf sich hat. Die Welt scheint bevölkert von seifenblasenhaften Konzepten, Ideen, über die jeder spricht, von denen aber keiner mehr wirklich weiß. In dieses Rhetoriktheater der Welt wirft Evers seinen Protagonisten, sein alter ego, wie in eisigstes Wasser. Und dass es in dieser frostigen Hölle dann komisch wird, ist sein Verdienst. Immerhin.
Christoph Pollmann
Horst Evers: Mehr vom Tag. Erzählentertainment 1 CD, Laufzeit: 74 min.ISBN: 3-86604-267-1. Preis: ¤ 14,95. Erschienen bei: WortArt.