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Samstag, 26. Mai 2012 | 01:49

 

Herman Melville: Moby Dick

04.10.2006

Monument Wal!

Das Leben ist Ishmael über, und sein melancholisches Temperament ergreift von ihm Besitz. Zur Therapie heuert der junge Mann auf einem Walfänger an. Aber diese Fahrt wird weit mehr als eine Jagd nach den Monstren der Ozeane. Eine Reise ins Metaphysische beginnt...

 

In New Bedford lernt Ishmael Queequeg kennen, einen Polynesier. Er, der Inbegriff des Wilden, tatooübersät und furchteinflößend, erweist sich schon bald als nobelster aller Bordgesellen. Kurz vor der Fahrt nach Nantucket werden beide noch Ohrenzeugen einer markerschütternden Predigt von prophetischer Kraft. Und darum geht es bei Moby Dick schließlich: um die verfluchte Macht des Prophezeiens!
Auf die Pequod fällt ihre gemeinsame Wahl. Der Kapitän soll Ahab heißen und eine Prothese aus Walknochen tragen, sein Bein soll ihm im Kampf gegen den weißen Wal Moby Dick verlorengegangen sein. Die Rache an diesem Untier ist ihm zum einzigen Lebensinhalt geworden. Und alle an Bord, auch die Erfahrensten Seemänner und härtesten Burschen, sind angesichts dieses Fanatikers von nackter Angst erfasst, sodass sie ihm fast wehrlos ins Verderben folgen. Ahab ist kein Mensch. Er, als Gegeninkarnation des Monstrums, ist die reine Opposition Gottes! Ihn treibt das Begehren, ein Teil von dem riesenhaften Schachspiel „Welt“ zu sein. Dustere Vorzeichen begleiten von nun an die Crew der Pequod...

Das „Mehr“ der Geschichte

Neben dieser wahnsinnigen Jagd, deren Ausgang jeder kennt und die von so überragender Symbolkraft ist (Ray Bradbury gestaltete daraus später seinen kosmischen Leviathan ´99), wird den meisten aber unbekannt sein, wie verzweigt und vielschichtig dieser Romangigant von Herman Melville eigentlich ist. Große naturwissenschaftliche und historische Exkursionen, ein kompilatorisches Werk von immer auch parodierender Kraft hat er 1851 geschaffen. Die Systematik der Wissenschaft wird entschleiert als eine spezielle Form der Jagd, eine Jagd nach Bestimmbarkeit und Ordnungsstiftung der Vernunft gegen das chaotische, nicht zu bändigende Weltmaterial. Aber es gibt in Moby Dick noch so viel mehr zu entdecken: Neben einer Reise- und Abenteuergeschichte ist dieser Roman eine Parabel von der vermessenen Auflehnung gegen die kosmologische Ordnung und von ihrem konsequenten Scheitern, gekleidet in theatralische Szenen, in große, beinahe klassisch anmutende Monologe von hohem Pathos, Aufbegehrensgesten gegen die Welt, wie sie ist. Und die Pequod ist dabei nicht nur ein Verdichtungsort erzählerischer Spannung, diese schwimmende Fabrik ist eine Ausgeburt der maschinenschaffenden modernen Vernunft inmitten der wilden Endlosigkeit der Meere. Brennstofflieferant, Seifengrundlage, das Fett für beinahe jedes Handwerk von Belang – der Wal war früher das, was heute das Erdöl ist, ein Triebstoff und Schmiermittel der Weltwirtschaft.Die eigentliche Jagd auf das religiöse Beutetier Moby Dick dauert dann drei lange symbolische Tage. Das Ungeheuer zerstört Boot um Boot, tötet Mann um Mann, doch von der Verfolgung lässt der schicksalsgesteuerte Ahab nicht ab. Und bis auf Ishmael, der sich an einen Sarg klammern kann, den Queequeg sich einst in dunkler Vorahnung hatte zimmern lassen, werden dann auch alle Seeleute sterben...

Moby Dünn?

Die Neuausgabe des Romans in der Übersetzung von Friedhelm Rathjen aus dem Jahr 2004 ist ganz wunderbar gelungen, und die Ausstattung des Hörbuchs ist von großer Verschwendungslust. Christian Brückner ist dabei der wohl bestmögliche und einzig denkbare Interpreter. Allein wie er den Ahab ausgestaltet ist selbst bei einer Länge von über dreißig Stunden so kurzweilig wie fesselnd.Die Übersetzung von Rathjen ist - man kann sagen - verschroben. Aber wie wunderbar, wie reichhaltig! Mag er auch „einer der strengsten Diener fremder Sprachen in Deutschland“ sein, wie die Frankfurter Rundschau ihn betitelte, was herauskommt ist von so großem Facettenreichtum wie nur ein Ulysses, Gargantua und Pantagruel oder Tristram Shandy. Bezichtigt also Rathjen nur seiner Getreuheit in der Übersetzung! Der unerhörte Klang, den er erschaffen hat, ist jeder noch so gut gemeinten philologischen Glättung eindeutig vorzuziehen.

Christoph Pollmann


Herman Melville: Moby-Dick; oder: Der Wal
Gelesen von Christian Brückner
2 MP3-CDs, Laufzeit: ca. 30 Stunden
Erschienen bei: Zweitausendeins
Preis: 39,90 ¤
ISBN 3-86150-666-1

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