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Hausschatz deutscher Dichtung

15.11.2006

Die alte Welt im Schrank

„Hausschatz“ – was für ein Wort! Evoziert es doch eine Welt, die so wenig noch die unsrige ist: Großfamilie, Bollerofen, Hausmusik, artige Kleidchen, Tischgebet, öfter mal was hinter die Ohren und dann auch gleich ein trostvolles Gedicht aus dem dicken Buch genannt „Hausschatz“.

 

Das Grimmsche Wörterbuch führt zu dem Begriff auf: 1) Hausrat aus wertvollen Stücken 2) Geld und Kostbarkeiten einer Familie 3) Hausfrau. Das Bild, das hier vor unser drittes Auge gemalt wird, ist doch recht eindeutig. Es entspringt so völlig dem 18. und 19. Jahrhundert, dass man folgerichtig auch die Auswahl der Texte aus dieser Zeit bestreitet. Und selbst die Aufmachung des wunderhübschen Hörbuchs spiegelt diese Erwartungshaltung wider: Blümchen und Blümchentapete in Altrosa. Für wen also ist diese Produktion von AUDIOBUCH gedacht? Für biedere Nostalgiker, für Erzkonservative? Ein bisschen werden hier alle Themen angesprochen: Liebe, Glaube, Kindheit, Heimat, Abschied, Tod, Krieg – die alten Essenzen des Lebens eben. Heute auch besser bekannt als: Neu.de, Fundamentalismus, PISA, Globalisierung, Mobilität, Überalterung und Terrorismus. Erreichen uns also diese Poeme noch? Oder klingen sie viel zu schwachbrüstig für unsere marktschreierische Welt und gehen klanglos unter? Hat also der Verlag etwas gewollt, das nur schiefgehen oder belächelt werden kann?

Immergrün statt Evergreen

Alles oben genannte ist aber nicht entscheidend, denn es kommt einzig darauf an, ob wir uns von diesen Poemen überhaupt noch erreichen lassen (wollen). Geben wir ihnen die nötige Zeit? Nehmen wir ihren altertümelnden Tonfall ernst? Wir sollten.
Denn in einer Zeit von amerikanischer Schnelldreherliteratur, von einem Überschwapp an Comedy, wo Schiller längst in der Schillerstraße wohnt, wo sich alles Geniale nur noch dadurch auszeichnet, dass es gehörig daneben (meist in die Hose) geht, was sollen da die großen Geister mit ihren großen Ideen noch? Und passen sie überhaupt in unsere grelle 16:9-Welt?
Zugegeben: 148 Gedichte und Balladen von 70 Autoren aus dem 18. und 19. Jahrhundert (mit allerdings sehr individuellen Interpretationen von den derzeit besten Sprechern), dazu 23 Schubert- und Schumann-Meldodien und die etwas biedermeierliche Aufmachung verkörpern doch ein recht geschlossenes Weltbild. (Das wenige Witzige darin wirkt dann auch wie aus dem Rahmen gefallen oder dem Zugeständnis an die leichte Heiterkeit verdankt.) Aber es ist ein schönes Stückchen Hörbuch, das sich - einmal geschenkt - leicht zusammenklappen und im Bücherregal (einigermaßen repräsentativ) vergessen lässt. Wer es aber hervorholt, nicht um es im gemeinsamen Kreise zu hören, wie der Verlag in einiger Weltverklärung vorschlägt, sondern um es sich im ICE per Kopfhörer auf dem Weg zu seinem fünfhundert Kilometer entfernten Arbeitgeber oder zu einem Rendezvous aus der Partnerbörse neben einem Kofferbomber sitzend und ein isotonisches Diätgetränk schlürfend noch so einmal recht behaglich zu machen – und plötzlich, während die kahlen, deutschen Eichenwälder vorbeifliegen, auf den tieferen Sinn des Lebens zu treffen...

Christoph Pollmann


Hausschatz deutscher Dichtung. Gedichte & Balladen mit Musik aus zwei Jahrhunderten.
Sprecher: Frank Arnold, Christian Brückner, Mathieu Carrière, Ulrich Matthes u. a.
4 CDs, Laufzeit: 316 min.
Erschienen bei: AUDIOBUCH.
19,90 Euro.
ISBN 3-89964-214-7

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