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Samstag, 26. Mai 2012 | 01:52

 

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser

19.07.2007

Der große Unbekannte
Es soll Hörbücher geben, die es schaffen, großer Literatur neue Facetten abzuringen. Hörbücher, die aus der Begegnung von Autor und (Vor-)Leser eine nahezu magische Eigendynamik entwickeln. Liebe Leser, ich verkündige freudig: Martin Wuttkes Lesung des gewaltigen deutschen (Anti-)Bildungsroman „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz ist so ein seltener Fall!

 

Karl Philipp Moritz: Der große Unbekannte unter den deutschen Klassikern, ein Zeitgenosse Goethes und Schillers, ja gar ein enger Bekannter des Herrn Geheimrats. Moritz’ Hauptwerk „Anton Reiser“ (1785-1790): Der vielleicht heute am wenigsten gelesene unter den inzwischen kanonisierten Romanen aus der Zeit um 1800.
Trotz allem konnte man anlässlich des 250. Geburtstages des Autors im Jahre 2006 viel über die angebliche Modernität desselben lesen. Man musste ja geradezu annehmen, manche Feuilletonisten wollten ihn gleich eigenhändig in den Olymp der deutschen Literatur emporheben. „Zu Recht?“, fragen wir uns. Oh ja! Die emphatische Liebe zu Karl Philipp Moritz lässt sich durchaus leicht nachvollziehen. Nur wenige Autoren des späten 18. Jahrhunderts stehen uns näher. Moritz’ großer Roman „Anton Reiser“ ist ein Monument der deutschen Literatur, das es in seiner vollen Erhabenheit für die breite Masse hiesiger Leser erst noch zu entdecken gilt.
Dieser Roman ist eben keine rein akademische Lektüre für bildungsbeflissene Germanistikstudenten, er bietet vielmehr einen erstaunlich zeitgemäßen Einblick in die sensible, instabile Gemütslage Heranwachsender – und gleichzeitig profunde Auskunft über die deutsche Befindlichkeit um 1800.

Ich ist ein Anderer

Der arme Anton Reiser gleicht in vielen Punkten so mancher zeitgenössischer Romanfigur. Er ist ein „Reisender“ – stets auf der Suche nach seinem eigenen Ich. Die moderne Ich-Instabilität hat in Karl Philipp Moritz ihren ersten Chronisten gefunden: einen Psychologen mit immensem Einfühlungsvermögen, gleichzeitig aber einen unerbittlichen Beobachter, der auch vor der Analyse der eigenen, schrecklichen Kindheitstraumata nicht zurückschreckt. Denn nicht irgendwer versteckt sich hinter dem sprechenden Namen „Anton Reiser“: Der Roman ist nicht geringeres als Karl Philipp Moritz nur wenig verschleierte Autobiographie.
Anton stolpert von einem Ich-Unterdrückungsmechanismus zum nächsten. Seine „Reise“ zum eigenen Ich führt ihn über die verkorkste, pseudo-fromme, quietistische Familie hin zur – nur scheinbar – befreienden Macht der Bildung, der Literatur und des Theaters. Alles was Anton tut, führt ihn nur noch tiefer hinein in seine veritable Ich-Krise. Hier zeigt sich Anton durchaus als geistiger Bruder Wilhelm Meisters. Doch wo jener seine Chancen, sich selbst zum Menschen auszubilden, nutzt – und sein Autor Johann Wolfgang Goethe somit die Gattung des deutschen Bildungsromans zu einem einsamen Höhepunkt führt –, scheitert Anton in all seinem Tun.

Große Literatur verdient kongeniale Interpreten

Eine recht triste Angelegenheit also, die wohl nur ein Stilist von außergewöhnlichem Rang zu großer Literatur – zu Weltliteratur – machen kann. Karl Philipp Moritz hat dies zweifelsohne geschafft. Wie nur, fragt man sich, könnte man den Deutschen einen ihrer wichtigsten Dichter und Denker wieder etwas näher bringen?
Vielleicht wird ja die wunderbare, bei Hoffmann und Campe erschienene Höredition hier Abhilfe schaffen. Brigitte Landes hat den Text behutsam gekürzt, so dass aus dem in vier Teilen erschienenen, dicken Roman nun sechs schlanke CDs geworden sind. Doch was nützt die beste Hörfassung eines großartigen Buches ohne einen guten Leser?
Martin Wuttke ist ein solcher! Geradezu kongenial interpretiert der Schauspieler und Regisseur (u.a. am Berliner Ensemble und am Thalia-Theater) die Textvorlage. Mit ruhiger, fast lakonischer Stimme lässt er dem Text genügend Zeit sich zu entwickeln. Wuttke hütet sich vor billigen Effekten und lautsprecherischem Rollenlesen. Große Gesten sind weder seine, noch Moritz’ Sache.
Wuttkes subtile Lesekünste darf man bereits in den ersten Minuten des Hörbuchs bestaunen und bejubeln: Melancholisch trägt er die Lebensgeschichte der Eltern Antons vor. Die Hinwendung des Vaters an die obskuren Lehren des Quietismus, seine Begierde (sic!) „alle Leidenschaften zu ertöten“, die zweite Heirat nach dem Tod seiner Frau, eine Ehe, die sich zur Hölle auf Erden auswächst. Dieses nüchterne Lamento mündet in einen fast paradigmatisch zu nennenden Satz: „Unter diesen Umständen wurde Anton geboren.“ Wuttke lässt uns spüren, wie nah Moritz in solchen Passagen dem Sarkasmus und der Lakonie des 20. Jahrhunderts ist, wie plötzlich hinter der Fassade des psychologischen Erzählers ein abgrundtief böser Humorist zu schlummern scheint.
Wer also in den verbleibenden Sommerwochen große Literatur in Hörbuchform genießen will, sollte ohne zu zögern zu Martin Wuttkes Moritz-Interpretation greifen. Etwas Besseres lässt sich dieser Tage schwerlich finden. Und wer dann immer noch nicht genug hat von diesem unbekannten Klassiker der deutschen Literatur, der kann sich immer noch mit der ungekürzten Fassung des Romans zum Selbstlesen vergnügen.

Sebastian Karnatz

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser, Hörbuch gelesen von Martin Wuttke, Regie: Brigitte Landes, 6 CDs, Laufzeit ca. 396 Minuten, erschienen bei: Hoffmann und Campe, Preis: 35 Euro.

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