Südlich des Central Parks heißt die 6th Avenue in Manhattan auch Avenue Of The Americas. Wo sie dann aber Harlem durchquert, trägt sie ganz offiziell den Namen „Malcolm X Boulevard“. Ein Staatsfeind als Namensgeber für eine der großen Nord-Süd-Verbindungen New Yorks? Der den einen als Terrorist gilt, ist für die anderen ein Held. So relativ ist das mit der moralischen und politischen Einschätzung von Menschen, die Widerstand leisten gegen ein System, dessen Verteidiger naturgemäß ihre Gegner verteufeln oder gar zum Abschuss frei geben wollen.
Ohne Malcolm X, mit bürgerlichem Namen Malcolm Little, hätten die Afroamerikaner nicht erreicht, was sie immerhin erreicht haben – auch wenn es mittlerweile zum Teil wieder revidiert wurde und nach wie vor gefährdet ist. Die Bürgerrechtsbewegung eines Martin Luther King, die auf friedlichen Protest setzte, war für die weiße Hegemonie gerade noch verkraftbar. Dass auch sie es nicht leicht hatte, ist vergessen. Der radikale Flügel aber, für den Malcolm X steht, musste verleumdet und verdammt werden. Dabei kann es keinen Zweifel geben, dass auch die weniger radikalen Kämpfer gegen das Unrecht ihren Erfolg der Tatsache verdanken, dass die Furcht vor den „Fundamentalisten“ Zugeständnisse abforderte, die freiwillig nicht zu bekommen gewesen wären.
Malcolm X war ein überragender Redner. Er beherrschte die rhetorischen Tricks, mit denen man Menschen überzeugt, mitreißt, aktiviert, mit denen man ihnen Selbstvertrauen, Selbstachtung und Stolz einflößt. Seine Zuhörer kannten ja die Zustände, von denen er sprach. Wenn er die Widersprüche einer rassistischen Gesellschaft auf den Punkt brachte, wenn er die Gegensätze benannte, ohne zu beschönigen, und seinen Anhängern klar machte, dass man von jenen, die vom Unrecht profitieren, nichts geschenkt bekommt, dann fiel es ihnen nicht schwer, seinen Argumenten zu folgen und sie auf ihre eigene Lebenssituation und Erfahrungen anzuwenden.
Gewiss hat die Unversöhnlichkeit von Malcolm X, die mal deutlicher, mal weniger deutlich zum Ausdruck kommt, auch mit biographischen Erfahrungen zu tun. Dabei muss man unterscheiden zwischen einer in der Kindheit angelegten Prädisposition zum Misstrauen, das sich gelegentlich auch in nicht nur, verständlicherweise, gegen das mächtige Kollektiv der Weißen, sondern auch gegen Minderheiten gerichteten rassistischen und sexistischen Ausfällen äußert, und der logisch nachvollziehbaren politischen Entscheidung, die aus Einsichten in den Mechanismus und die Funktion von Versöhnung entspringt. Natürlich wurde Malcolm X von jenen desavouiert und verleumdet, die, weil sie die Stärkeren sind, von einer Versöhnung profitieren, kompromisslosen, gar gewaltsamen Widerstand aber fürchten müssen. Malcolm X hat schon recht, wenn er einem weißen Interviewer antwortet:
"Der weiße Mann, der die Schwarzen fragt, ob sie ihn hassen, tut damit nichts anderes als ein Vergewaltiger, der die Vergewaltigte, oder der Wolf, der das Schaf fragt: 'Hasst du mich etwa?' Der weiße Mann hat keinerlei moralisches Recht, irgend jemanden wegen seiner Hassgefühle anzuprangern.
Wenn meine sämtlichen Vorfahren von Schlangen gebissen wurden und wenn ich selber von einer Schlange gebissen wurde und wenn ich nun meinen Kindern den Rat gebe, sich vor Schlangen zu hüten, wie klingt es dann, wenn diese Schlangen mir vorwerfen, Hass gegen sie zu predigen?"
In eigener Sache sozusagen verweise ich auf das folgende kleine Buch: Malcolm X: Wahl oder Waffe. Rede am 3. April 1964 in der Cory Methodist Church (EVA Reden. Hg. von Sabine Groenewold. Band 23), Hamburg 1996. Wer auch akustisch erfahren will, was „Kunst der Rede“ bedeutet, wer sich davon überzeugen will, dass es dafür andere Maßstäbe gibt als die Bundestagsdebatten, der höre sich die (technisch leider unbefriedigenden) Aufnahmen von Reden des Malcolm X auf 2 CDs an.
Thomas Rothschild
The Wisdom of Malcolm X. 2 CD. Passport, CD-1052 (Vertrieb: in-akustik).
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