Es beginnt auch gleich mit einer klassischen, hildebrandtschen „Hätte-können-wäre-Pointe“. Das mag er, das Verdrechselte, das er vor unser aller Augen auf die Drehbank spannt und rhetorisch wieder zurechtschleift. Ein Beispiel? Wir alle erinnern uns noch an die legendäre BILD-Überschrift „Wir sind Papst!“ Hildebrandts Antwort darauf: „Ja, da konnte man den Heiligen Geist deutlich „Bingo!“ rufen hören.“ Was für ein Konter!
„Bitte noch einmal neunzig!“
Natürlich geht es auf dieser CD auch um sein Alter. Und wie er damit kokettiert! So spielt er genüsslich mit seiner gedanklichen Fahrigkeit: „Kohl? Warum fällt mir jetzt Kohl ein? Das verstehe ich nicht...“ Diese Pointe ist unglaublich treffsicher gesetzt, wie so Gewohnt-Vieles von ihm. Immer hat man den Eindruck, ihm beim Zusammenholen seiner spontanen Gedanken zu verfolgen. Dann schlägt er plötzlich mit bestgesetztem Timing zu: Das ist und bleibt seine einmalige Kunst.
Aber war das nicht immer so? Konnte er nicht all das sagen, was er sagte, nur weil er es im Zuge einer schelmisch auskalkulierten Scham und einem großen generellen Unwohlsein, einem kulturellen Generalekel hervorbrachte? Immer geht er dabei vom Persönlichen ins Politische und ist damit ein für uns so wichtiger Nebel- bzw. Weihrauchdavonwedler, von denen wir so wenige haben.
Tüddeligkeit und Manie
Dann reimt er, unser lustiger Schlesier, der so wunderbar landmannschaftslos, auch wieder zwischenrein und nennt es selbst einen unerklärlichen Zwang. (Dabei sehen wir natürlich schon den leisen Sentimentalisten hinter der Maske hervorlugen.) Das scheinbar ungeplante Reden, seine Spezialität, fällt durch den Reim und die Komposition natürlich weg, aber es sind hübsche Erzählpausen und Rhythmuswechsel, die hierdurch in den knapp 70 Minuten erzeugt werden.
Jahrgang 1927 – das muss man sich mal vorstellen: Weimarer Republik! Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten in Berlin. Die chinesische Volksarmee gegen Chiang Kai-Check wird gegründet, der erste Volvo wird gebaut, Charles Lindbergh fliegt über den Atlantik, Heidegger schreibt „Sein und Zeit“ und die Uraufführung von Fritz Langs „Metropolis“ findet statt. Dieter Hildebrandt hat die Machtübernahme erlebt, den Krieg, die Adenauerschen Restaurationsversuche, die 68er, den deutschen Herbst, Kohl, die Einheit, die Merkel – und dabei ist er einer von den Alten, denen man zuhören will, wenn sie Zusammenhänge zwischen früher und heute herstellen, ja er, das vermutlich älteste und kleinste deutsche Parlament.
Christoph Pollmann
Dieter Hildebrandt: Nie wieder achtzig!
Erschienen bei: Random House
ISBN 3-86604-696-2
1 CD, Laufzeit: 70 min.
Preis: 19,95 ¤