Ein Obdachloser, der seine Nächte unter den Seinebrücken verbringt, begegnet einem Fremden, der ihm 200 Franc anbietet. Die will Andreas, so heißt der Obdachlose, der heiligen Therese vereinbarungsgemäß zurückbringen. Er ist guten Willens, seine Schulden zu begleichen, und mehrmals setzt er dazu an, doch immer wieder kommt ihm etwas dazwischen, bis er schließlich stirbt. Die Struktur von Joseph Roths „Legende vom heiligen Trinker“ reproduziert die zwanghafte Struktur des Verhaltens von Alkoholikern. Wie diese nicht imstande sind, ihre Sucht aufzugeben, so ist Andreas nicht in der Lage, seinen Vorsatz auszuführen.
Zu einer Legende wird Roths ebenso kurze wie faszinierende Erzählung durch ihren Tonfall, durch eine Wortwahl und eine Melodie, die ihr in der Tat einen biblischen Charakter verleiht. Joseph Roths Sprache ruft geradezu nach lauter Lektüre. Mario Adorf liest den Text mit seiner vertraut brüchigen Stimme, am Anfang etwas zu hastig und unsicher in den Betonungen, dann immer intensiver, aber ohne jenen gerade für Roth so passenden Singsang, über den Walter Schmidinger verfügt, von dem ein Hörbuch mit der selben Legende vorliegt. Doch auch bei Adorf gilt: bedauernswert, wer am Schluss nicht weint.
Das Hörbuch bei Diogenes