Tschechow ist im deutschsprachigen Raum in erster Linie als Dramatiker bekannt. In zweiter Linie kennt man ihn als Autor humoristischer Erzählungen. Eine seiner grandiosesten Erzählungen aber, „Krankenstation Nr. 6“, ist eine, ungeachtet humoristischer Elemente, höchst tragische Geschichte, ein Porträt eines außergewöhnlichen Menschen und ein herb kritisches Bild der Gesellschaft zu Tschechows Zeit zugleich. Der Arzt und große Humanist entwirft ein ebenso wirklichkeitsnahes wie deprimierendes Bild von den Zuständen in Russland im Allgemeinen und in psychiatrischen Anstalten im Besonderen. Und wenn diese Erzählung auch mehr als hundert Jahre alt ist: so schrecklich viel hat sich seither nicht verändert.
Die Konstruktion der Erzählung ist so einfach wie intelligent. Der Arzt Andrej Ragin wird nach und nach in eine Lage versetzt, in der er am eigenen Leib erfahren muss, wie es den Patienten im Krankenhaus in der Abteilung für psychisch Kranke ergeht. Eine tiefe Melancholie macht sich breit, die sich auf den Leser überträgt. Aber diese Melancholie ist keine „Stimmung“. Sie hat gesellschaftliche Ursachen, die Tschechow nicht benennt, sondern in Handlung und Dialoge umsetzt. Im Mittelpunkt stehen die Gespräche Ragins mit dem adeligen Ivan Gromov, dessen Verwirrungen mehr Wahrheiten an den Tag bringen als die Einsichten der vorgeblich Gesunden.
Dieter Mann spricht den Text mit wohltuend sachlicher Nüchternheit. Er weiß, dass Tschechow keines outrierenden Nachdrucks bedarf. Da stellt sich ein Schauspieler in den Dienst der Literatur, statt sich eitel zu spreizen. Hörbuch ist eben nicht gleich Hörbuch.