Thomas Mann gilt nach allgemeinem Konsens als der bedeutendere Schriftsteller. Ich bekenne: ich ziehe ihm Joseph Roth vor. Sein „Radetzkymarsch“ gehört zu meinen Lieblingsbüchern, die ich immer wieder lese und die mich stets aufs Neue ergreifen, im mehrfachen Sinn dieses Wortes. „Die Kapuzinergruft“, eine Art Fortsetzung in Ich-Form, erreicht nicht die Grandiosität des „Radetzkymarsches“. Aber auch dieser Roman weist Qualitäten auf, die das berühmtere Werk auszeichnen: die Symbiose von individuellen Schicksalen und Zeitgeschichte, unmittelbar überzeugende Vergleiche und Metaphern und vor allem eine in Rhythmus und Melodie unvergleichliche Sprache. Vielleicht hat Martin Walser Recht, der einmal sinngemäß äußerte, es sei die Sprach- und Sprechmelodie, die Werke süddeutscher Autoren – und dazu gehören in diesem Zusammenhang auch die Österreicher – für norddeutsche Leser und Kritiker weniger zugänglich erscheinen lassen als die ihrer norddeutschen Kollegen. Das wirkt sich aus, wo die Mehrzahl der meinungsbildenden Medien ihren Sitz in Hamburg oder Berlin hat. Auch wer die Wandlung Joseph Roths vom entschiedenen Sozialisten zum Monarchisten nicht mitvollziehen mag, wird sich, wenn er mit Grillparzer, Nestroy und Schnitzler aufgewachsen ist, dem Klang der „Kapuzinergruft“ nicht entziehen können.
Peter Matic ist ein Schauspieler der alten Schule. Er liest den ungekürzten Roman auf fünf CDs mit einer angenehmen Stimme und deutlicher Artikulation. Wer Hörbücher der eigenen Lektüre vorzieht, ist mit dieser Kassette bestens bedient. Aber Vorsicht beim Autofahren. Joseph Roth kann einen schon so sehr fesseln, dass man den nächsten Baum übersieht.