Das wichtigste zuerst: Es gibt kaum einen Text deutscher Zunge, der so viel mitmachen musste. Das Regietheater hat ihn umgedeutet, umgestaltet, dekonstruiert, bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen, verschiedenste politische Strömungen haben ihn benützt um ihre jeweiligen Weltbilder zu stützen, er war völkische Literatur und gleichzeitig Weltliteratur, hehres Bildungsgut des Kulturbürgertums, Zitatensammlung und so weiter. Aber er hat es immer wieder geschafft, wie ein Phoenix aus der Asche zurückzukommen – noch stärker, noch facettenreicher, noch schöner.
Goethes Dramatisierung des alten Faust-Stoffes hat alles, wirklich alles, er- und überlebt. Faust wird sicherlich auch eine weitere Hörbuch-Bearbeitung zum 200jährigen Veröffentlichungs-Jubiläum ohne Probleme überstehen. Sollte diese auch noch so gelungen sein, mehr als eine Marginalie kann sie im Kosmos der 200jährigen Tradition der Faust-Rezeption nicht sein.
Dies sind schwierige Startbedingungen für ein gelungenes Hörbuch und Rolf Günther, ein ehemaliger Schüler der Max-Reinhardt-Schauspielschule des Deutschen Theaters in Berlin, hat sich ihnen mannhaft gestellt. Und er scheitert dabei jedoch nahezu auf ganzer Linie. Wo junge Theatermacher landauf landab versuchen, dem monumentalen Text eine eigene Deutung, eine persönliche, zeitgemäße Note aufzudrücken, liest Rolf Günther schlicht und ergreifend einen dramatischen Text vor.
Schon in diesem medialen Wechsel, von der Bühne mit ihren vielfältigen optischen Möglichkeiten hin zur rein akustischen Textwiedergabe im Rahmen eines Hörbuchs, liegt ein nicht zu unterschätzender Grundfehler: Theater will gesehen werden. Nun haben andere jedoch unter ähnlichen Bedingungen durchaus Beachtliches geleistet. Sie haben das Drama ihrerseits noch einmal neu dramatisiert – als Hörspiel, das mit seinen eigenen Mitteln arbeitet.
Gleiches gilt auch für jene Sprecher, denen es einzig und allein Kraft ihrer Stimme gelang, Atmosphäre, Bleibendes zu erzeugen.
Thalheimer, komm und hilf!
All dies – und noch vieles mehr – funktioniert in Rolf Günthers Ein-Mann-Hördrama nicht. Der Schauspieler changiert zwischen Lesung und Bühnengestus, fegt ab und an rasant über leise Zwischentöne hinweg und lässt es sich nicht nehmen, Gretchen mit andeutungsweise feminin verstellter Stimme zu lesen. Trotz allem kann man sich durchaus vorstellen, dass Günthers Performance sehr gut funktioniert als das, was sie eigentlich ist – als szenische Lesung.
Im Hörbuch-Kontext wirkt sie allerdings befremdlich. Dies liegt nicht zuletzt an der hanebüchenen Regie, die mehr zerstört, als rettet.
Ihre Taschenspielertricks führen dazu, dass auch Günthers beste Szenen einen bitteren Nachgeschmack beim geneigten Hörer hinterlassen. So nimmt einem der metallene Effekt über der Stimme Mephistos auch noch die Lust an den wunderbaren Mephisto-Faust-Dialogen, die Günther sehr beachtlich spricht.
Trauriger Höhepunkt der 4 CDs ist jedoch ohne Zweifel Dan Aldeas musikalische Untermalung. Der rumänische Gitarrist und Komponist lässt kein musikalisches Klischee aus. Den „Prolog im Himmel“ untermalt er mit pompösen klassischen Klängen, dunkle Verse mit schwebender Esoterik-Filmmusik und das Gelage in „Auerbachs Keller“ selbstverständlich mit zünftigen Saufliedern. Spätestens hier wünscht sich auch der konservativste Hörer einen jungen Regiewüterich herbei, der wohl das Stück zerschlagen, ihm aber seine Würde lassen würde.
Ein Stein im Booklet
Auf einen Nenner gebracht: Günther liest seinen Faust durchaus solide, in einzelnen Passagen sogar mehr als annehmbar. Da spürt man sie wieder, die unglaubliche Melodik dieses Dramas, die schillernden Abgründe seiner Sprache. Insgesamt jedoch scheitert das Projekt diesen Ein-Mann-Faust auf das Hörformat zu übertragen auf ganzer Linie. Zu konservativ, zu altbacken, zu wenig wagemutig ist dies alles, um vor den Vorgängern bestehen zu können.
Da hilft es auch nichts mehr, dass Günther Mahal, seines Zeichens Leiter des Faust-Museums und des Faust-Archivs in Knittlingen, die Produktion in einem Begleittext euphorisiert in den Himmel lobt. Ein Schelm übrigens wer bei Worten wie den folgenden Böses ahnt: „Die Kunst der Striche (gemeint sind Streichungen in Goethes Dramentext) bringt nicht immer einen gelingenden Verschlankungsprozess, den oft derbe Scherenmänner nach den Erfordernissen bloßer Zeitökonomie eher durchpauken als behutsam und ohne Sinnstörungen zuwege bringen.“
Kein Wunder, dass Mahal im gleichen Beitrag auch Peter Stein lobend erwähnt. Was sich wohl der Vollbluttheatermacher Goethe, in dieser Eigenschaft übrigens auch ein bösartiger „Streicher“, bei solchen Worten gedacht hätte?