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Samstag, 26. Mai 2012 | 01:54

Beatpoeten: Unterwegs

23.06.2008

Unterwegs in der Bewegung

Die „Beatpoeten“ formen aus Gedichten und Prosastücken Hörspielminiaturen, aber auch mit Refrain operierende Songtexte. Minimalistische Klangstrukturen, elektronische Kleinstmelodien, die sich unverschämt schnell ins Ohr schmeicheln. Von STEFAN HEUER

 

Mal den Zeigefinger an die Wange gelegt und mit ernstem Gesichtsausdruck in die Runde gefragt: Musik machen, ja, aber gibt es nicht schon genug Musik? Pop, Klassik, Ska, Metal und unzählige andere Stilrichtungen, die werbewirksam als neue Schubladen aus dem Boden schießen? Und Texte schreiben und diese anschließend vertonen, ist das neu? Aber nein, denn das (auf welchem Speichermedium auch immer) konservierte gesprochene Wort hat eine lange Tradition. Und die Kombination von beidem, ist das denn neu? Wohl kaum, denkt man nur an die großen Radio-Hörspiele aus Zeiten zurück, als der Fernseher noch nicht in jedes Wohnzimmer Einzug gehalten hatte. – Die Fraktion der logisch denkenden Menschen könnte sich nun zufrieden zurücklehnen, denn was es bereits gibt, muss nicht mehr erschaffen werden. Dass dennoch sowohl auf dem Musik-, als auch auf dem Wortsektor ohne Unterbrechung weitergearbeitet wird, deutet darauf hin, dass es sich, zumindest bei den Künstlern, die nicht von ihrer Kunst leben können, um Überzeugungstäter handeln muss. Um Menschen also, die auf das Faulenzen vor dem Fernseher und die Routine des abendlichen Sportkanals verzichten, um sich auszudrücken und ihre Gedanken mitzuteilen.

Nun gibt es Künstler, die sich nur ungern mit anderen Kulturschaffenden in Verbindung bringen lassen – verständlich, denn wer lässt sich schon gerne nachsagen, er klänge genau wie Phil Collins oder hätte ein Buch geschrieben, das exakt wie das Buch von XY sei. Um Plagiatsvorwürfen zu entgehen, gipfeln manche Musiker gar in der mehr als unglaubwürdigen Aussage, niemals die Musik anderer zu hören. Erfrischend, wenn dann mal so offensiv und barrierefrei mit den literarischen, musikalischen und auch gesellschaftlichen Vorbildern und Zeitgenossen umgegangen wird, wie die „Beatpoeten“ aus Hannover dies tun. Dass man als erste Assoziation bei den „Beatpoeten“ mit Ginsberg, Burroughs und Kerouac nicht daneben liegt, belegen Jan Egge Sedelies und Costa Alexander bereits mit dem Titel ihrer im Mai 2008 erschienenen Debüt-CD – ist „Unterwegs“ doch der deutsche Titel von Kerouacs 1957 veröffentlichtem und wohl wichtigstem Werk „On The Road“.

Die „Beatpoeten“ formen aus Gedichten und Prosastücken Hörspielminiaturen, aber auch mit Refrain operierende Songtexte. Minimalistische Klangstrukturen, elektronische Kleinstmelodien, die sich unverschämt schnell und ohne Gegenwehr ins Ohr schmeicheln. Kein besonders „fetter“ Sound, wie er heute von vielen gefordert und in den Tanznummern des Ostblocks praktiziert wird, sondern an Peter Licht, etwas abgespeckte And o­ne und die (ganz) frühen Depeche Mode erinnerndes low-fi vom Feinsten. Costa Alexander beweist hier Gespür für Eingängigkeit abseits der Belanglosigkeit. Jan Egge Sedelies, durch über 400 Auftritte bei Lesungen, Konzerten und Poetry Slams an den Umgang mit dem eigenen Kehlkopf gewöhnt, gibt dazu die Stimme, mal in verwirrend schnellem Tempo, mal schleppend, eingestreute Lacher und Schreie. Höhnisch klingt bei ihm nach höhnisch, gereizt nach aggressiv. Thematisch sind seine Texte erfreulich breit aufgestellt; der an die Beat Generation gemahnende Social Beat der 90er Jahre (Sauf- und Fickgeschichten à la „Ich saß in der Kneipe, da schleudert mir eine dralle Blondine ihren Arsch entgegen...“) darf sich – Gott sei Dank – als abgeschlossen betrachten. Stattdessen geht es um „die Prozesse zu Genua 2001, die melancholischen Momente zwischen Arbeitszeit und Freizeit, um den Ausverkauf des letzten Protests, aber auch um die letzten rosa Delfine im Mekong“ – wer Sedelies’ 2005 erschienenen Gedichtband „niemals so ganz“ kennt, der wird von der kämpferischen Ausrichtung seiner Texte nicht überrascht sein. Und auch nicht vom Booklet-Foto, das ihn und seinen Mitstreiter als kontrastreiche s/w-Grafik zeigt, die nicht nur zufällig an das Cover zum Buch „Der Tod Ulrike Meinhofs. Bericht der internationalen Untersuchungskommission“ erinnert.

Ein ambitioniertes Projekt, mit dem die „Beatpoeten“ auch immer öfter live zu erleben sind. Sie selbst sehen in der Vertonung politisch motivierter Texte keinen Widerspruch zum Drang, den Abend auf den Beinen zu verbringen: Brecht würde dazu tanzen. Das kannst Du auch!

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