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Samstag, 26. Mai 2012 | 01:54

Richard David Precht: Wer bin ich - und wenn ja wie viele?

03.07.2008

Was bist du - und wenn ja warum liest dich jeder?

Der Publizist und Schriftsteller Richard David Precht hat mit „Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“ eine unterhaltsame Philosophiegeschichte für jedermann geschrieben, die zumeist den üblichen Gesetzen des Genres gehorcht. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Für die Hörbuchfassung seines triumphalen Publikumserfolgs „Wer bin ich – und wenn ja wie viele? Eine philosophische Reise“ hat der auch hier federführende Autor Richard David Precht gottlob das Vorwort gestrichen. Dem Hörer bleibt so der bemüht anti-akademische Gestus jener Vorbemerkungen erspart, der für die Druckfassung eine unnötig schwere Bürde darstellte. Denn so anti-akademisch kann jemand, der mit dem – selbstverständlich sehr schönen – Thema „Die gleitende Logik der Seele. Ästhetische Selbstreflexivität in Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften“ promoviert wurde, eigentlich gar nicht sein.
So versteckt sich dann auch hinter dem recht pfiffigen Titel grundsätzlich einmal nicht anderes als eine flott geschriebene Philosophiegeschichte, die auch philosophisch eher unbedarfte Leser an der Hand nimmt und durch das Reich der großen Denker führt. Nun mangelt es jedoch dem deutschen Buch- und Hörbuchmarkt nicht gerade an sauber geschriebenen philosophischen Propädeutika, die komplexe Sachverhalte einleuchtend und stets etwas simplifizierend darstellen. Was macht nun also Richard David Precht so viel besser als seine Kollegen? Was befähigt ihn gar dazu, Hape Kerkelings schwiemeligem Pilgerbericht aus Spanien schön langsam den Rang in deutschen Wohnzimmern abzulaufen?

Descartes und die Hirnforschung

Prechts Geheimnis scheint in der Tat darin zu bestehen, dass er den Leser grundsätzlich nicht für so dumm verkauft, wie er tut. Seine Ausführungen über Descartes, Kant und Konsorten sind stellenweise eben doch etwas akademisch geraten, so dass sich niemand schämen muss, dieses Buch auch einmal als intellektuellen Stichwortgeber zur Hand zu nehmen. Precht zeigt sich durchaus auf der Höhe des Fachdiskurses – auch wenn sein tiefstaplerisches Vorwort dies nicht vermuten ließe. Er bemüht sich stets seine Gedankengänge an neuere Erkenntnisse der Hirnforschung rückzukoppeln und schreckt auch vor längeren und komplexen Erklärungen nicht zurück. Der betont joviale Sprachgestus nimmt seinen Erläuterungen zwar ab und an die Präzision, erhöht dafür die Lese- bzw. Hörfreude ungemein.
Precht gliedert seine Streifzüge durch die Philosophiegeschichte in drei große Kapitel, die er mit drei der vier großen kantischen Fragen überschreibt: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Im Rahmen dieser Schlüsselfragen behandelt Precht die Konstituierung des menschlichen Ichs und die Moral unseres Handelns ebenso wie – in einem erstaunlichen und sehr schönen Abschnitt – die Grundlagen des Vegetarismus. Dass bei dieser Themenbreite einige Details auf der Strecke bleiben müssen, liegt in der Natur des Genres. Philosophiegeschichten lieben eben notwendigerweise die Breite, nicht die Tiefe.

Versöhnung mit dem Massengeschmack

Precht löst dieses Dilemma eigentlich recht geschickt, indem er gekonnt seinen Fokus auf einige ausgewählte Glanzlichter der Philosophiegeschichte lenkt. So erfährt der geneigte Rezipient zum Beispiel in der notwendigen Breite die Vorzüge und Nachteile des Benthamschen Utilitarismus und wird über den schweren Stand des Ichs in der zeitgenössischen Hirnforschung aufgeklärt. Dies ist sicherlich nichts Neues, nicht Weltbewegendes, aber Precht arbeitet die globalen Zusammenhänge jener Problemkomplexe beachtenswert sauber auf und schafft es mit pointierten Vergleichen und anschaulichen Beispielen seine Leser- und Zuhörerschaft bei der Stange zu halten.
Einen Vorwurf wird sich die Hörbuchfassung des Bestsellers jedoch gefallen lassen müssen: Das stete Wechselspiel zwischen den beiden Vortragenden Caroline Mart und Bodo Primus hätte tatsächlich etwas prickelnder ausfallen können. Zu oft erinnert das dramaturgische Zusammenspiel der beiden Stimmen, das zu allem Überfluss auch noch ausgerechnet durch melancholische Celloklänge untermalt wird, an etwas eingerostetes Bildungsradioprogramm. Die – durchaus vorhandene – Selbstironie des Autors hätte auch dieser ansonsten durchaus gelungenen Hörbuchbearbeitung gut getan.
So versandet die Aufmerksamkeit des lernbereiten Hörers doch schon relativ schnell. Dies sollte passionierte Hörer jedoch nicht davon abbringen, mit Mart, Primus und Precht in die fabelhafte Welt der Philosophie zu reisen, denn die anfänglichen Mühen lohnen sich durchaus. Precht hat aus seiner philosophischen Lebenshilfe ein ordentliches Hörbuch gemacht, das die besten Passagen seines Buches gekonnt aneinandermontiert, ohne dem Hörer dabei das Gefühl zu geben, etwas zu verpassen. Es gibt also deutlich schlechtere Anlässe sich mit dem Massengeschmack zu versöhnen als Prechts gewitzte und kurzweilige philosophische Reise.

 

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