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Samstag, 26. Mai 2012 | 01:54

Oskar Maria Graf liest "Verbrennt mich!"

18.08.2008

Lob des Bayerischen

Das Bayerische wird oft – allzu oft – belächelt. Ihm hängt etwas urig Gemütliches, ja gar etwas dämlich Heimeliges an, das gerade den des Hochdeutschen Mächtigen gerne zu einem Gefühl der geistigen Überlegenheit veranlasst. Doch gemach, gemach, lieber Preuße: Oskar Maria Graf wird dich eines Besseren belehren! Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Es ist ja eine seltsame Angelegenheit mit diesen Hörbüchern: Die Leser lieben sie und mutieren bald zu Hörern, die hehre Kritik gibt sich jedoch nicht unbedingt gerne mit ihnen ab. Sie gelten als Ausdruck eines unsteten Pop-Intellektualismus, der nie durch die beschwerliche Schule des nächtlichen Taschenlampenlesens gegangen ist, der nichts von den Freuden der akribischen Philologie weiß und – noch schlimmer – gerne der Sünde der schnöden Unterhaltung frönt.

Eine ganz ähnliche Bewandtnis hat es auch mit dem Dialekt auf sich. Dialektsprecher sind nur wenig ernstzunehmende Menschen. Sie haben sich nie von ihrer provinziellen Herkunft gelöst und sind im Allgemeinen der eigentlichen Sprache der Dichter und Denker nicht mächtig. Nur gut, dass dieser schriftsprachliche Dünkel nicht bis zu den leidenschaftlich dialektalen Dichtern und Denkern Schiller und Mörike durchgedrungen war – das Schwäbische haben sie nämlich nie wirklich aufgegeben.

Provinzschriftsteller. Spezialität: ländliche Sachen

So verhält es sich eben mit Vorurteilen: Sie bilden lediglich eine Meinung vor jeglichem fundierten Urteil ab. Das wunderbare Hörbuch „Oskar Maria Graf liest »Verbrennt mich!«“ räumt denn auch mit diesen Vorurteilen gründlichst auf. Die Originalaufnahmen – samt und sonders vom Autor selbst gesprochen – besitzen enormen dokumentarischen Wert und gewähren einen Einblick in die Gedankenwelt ihres Sprechers: Graf ist ein Dichter der kleinen Leute, einer der sich mit verschmitztem Lächeln als "Provinzschriftsteller. Spezialität: ländliche Sachen" ausgibt und dabei trotz allem mehr an Geist zu Papier gebracht als Legionen bierernster literarischer Biedermänner zusammen. Das wusste auch schon Thomas Mann, der mit der ihm eigenen traumwandlerischen Sicherheit in literarischen Fragen Grafs Schriften als ein Werk bezeichnete, in dem „die kleine Welt selten so gültig für die große eingestanden ist“.

Die kleine Welt Oskar Maria Grafs ist das gelobte Bayernland. Ein Land, voll von ‚sturschädligen’ Eigenbrötlern und einfachen Leuten, die es schaffen, dem Leben mit Hilfe ihrer verschlagenen Bauernschläue wenigstens noch einige lebenswerte Momente abzutrotzen. Konsequent hat Graf diese Welt in einem Sprachduktus beschrieben, der der Sprache ihrer Protagonisten abgelauscht war – in einer Mischung aus Schriftdeutsch und oberbayerischem Dialekt. Dies untermauert gerade die im „hörverlag“ erschienene Doppel-CD mit den gesammelten, von Graf selbst gesprochenen Rundfunkbeiträgen. Die Bandbreite des Materials reicht von Interviews und Reden bis zu Essays und Kurzgeschichten. Graf trägt dabei alles in seinem typischen Ton vor: Leicht verschlagen und auch im Alter juvenil, aber immer erdenschwer bajuwarisch.

Der Bauer auf dem Feld hat nie ein Seidenhemd getragen!

Programmatisch – und klug gewählt – beginnt diese Sammlung mit Grafs aufrichtigem, Pathos geschwängerten Protest gegen die Nicht-Verbrennung seiner Schriften nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten:

„Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!“

Ein eindrückliches Zeugnis von Zivilcourage und ein deutlicher Hinweis auf das stets in Grafs Werk präsente politische Engagement, denn das Leben zwang ihn „stetszur Konfession“. Als linksgerichteter Autor bekämpfte er die Idiotie des Ersten Weltkriegs und die braunen Nazihorden, emigrierte nach New York und gründete dort die „German American Writers Association“.

„Verbrennt mich“ bietet neben dem titelgebenden Protest reichlich Stoff für Entdeckungen. So unter anderem ein herrliches SWR-Interview aus dem Jahr 1959. Graf berichtet darin über seine Erfahrungen in den Münchner Künstlerkreisen der frühen 20. Jahrhunderts und bietet ein kurzes und kurzweiliges bajuwarisches Panoptikum der Schwabinger Zwischenkriegsboheme, das auch eine Geschichte von Verständigungsproblemen zwischen den literarischen Granden Münchens und dem unprätentiösen Bayer Graf ist: So wird junge Dichter vom „Großschriftsteller“ Roda Roda aufgrund seiner typischen Gewandung – selbstverständlich eine Lederhose – folgerichtig mit einem Dienstburschen verwechselt.
Wunderbar auch eine New Yorker Episode: Der berühmte Exilschriftsteller Oskar Maria Graf möchte einem amerikanischen Bayernverband beitreten und betritt einen bajuwarischen Ballabend in der stinkenden Arbeitskleidung eines befreundeten Bauern. Schließlich war die Maßregel des Abends „echt und bayerisch“ zu kommen. Den entsetzten Ballgästen in feinster rüschenverzierter Tracht schleudert er nach seinem Rauswurf ein deftiges „Der Bauer auf dem Feld hat nie ein Seidenhemd getragen!“ entgegen. So verhält es sich eben mit den anachronistischen Heimatverbänden: Das echte Leben bilden sie beileibe nicht ab. Jenes findet man dafür umso aufrichtiger in den kurzen lakonischen Heimatgeschichten Grafs, die dem Mann’schen Diktum entsprechend unaufgeregt in ihrem kleinen Mikrokosmos das große Ganze der menschlichen Existenz bespiegeln.

Ein Dokument bajuwarischer Humanität

Es wird Zeit, den Dichter Oskar Maria Graf in der gesamten Bandbreite seines Schaffens wiederzuentdecken: den großen Essayisten, der das Subversive des Dialekts ebenso herauszuarbeiten wusste wie die Segnungen der Mittelmäßigkeit, den aufrechten Streiter für eine etwas weniger verlogene Welt, den großen Erzähler der kleinen Geschichten. Das wunderbare Hörbuch „Verbrennt mich!“ legt den Grundstein für eine Wiederbegegnung mit einem der wichtigsten Autoren des letzten Jahrhunderts.

Dabei sollten sich auch Hörer jenseits des Weißwurstäquators nicht von der dialektalen Färbung abschrecken lassen: Sie verpassen ein aufrichtiges Dokument bajuwarischer Humanität. Und schließlich sind Vorurteile ja nur dazu da, abgebaut zu werden.

 

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