Der musikalische Dialog ist eines der spannendsten Genres des Jazz. Zwei – im besten Falle gleichberechtigte – Partner treten in ein intensives Zwiegespräch, schmeißen sich gegenseitig die Bälle zu, improvisieren gemeinsam und dringen zum Kern der Musik vor: zuhören und gehört werden. Oftmals jedoch bezieht eine Duoaufnahme ihren Reiz gerade aus dem Fehlschlagen dieses kanonisierten Regelwerks. Die Beteiligten hören eben nicht aufeinander, sie schmeißen sich die Bälle lediglich zu, um ihren nächsten persönlichen Höhepunkt zu planen, sie spielen gegen- und nicht miteinander.
Beide Konzepte haben ohne Zweifel ihren Reiz. Während übertriebene Harmonieseligkeit viele Duovariationen oft zur zahnlosen Hausmusik verkommen lässt, verspricht der Kampf zweier Musiker zumindest Spannung – auch wenn er oftmals im heillosen Durcheinander endet. Irgendwo im Zwischenraum von Harmonie und Differenz muss sich ein gelungener Dialog bewegen; er muss Unterschiede zulassen und trotzdem Gemeinsamkeiten betonen.
Das Zusammentreffen eines Dichters mit einem Jazz-Schlagwerker kann im Idealfall ebenfalls jenen Regeln folgen. Der Wort- und der Trommelkünstler hören aufeinander, ergänzen sich behutsam und entwickeln im Dialog jeweils ihre eigene persönliche Sprache weiter. Dies hätte dann auch nichts mit dem leicht bräsigen bildungsbürgerlichen Hintereinander von Text und Musik zu tun, das man auf Lesungen leider viel zu oft zu hören bekommt.
Gottlob ist „Abbara“ das genaue Gegenteil einer derartigen Veranstaltung: Keinem der beiden Protagonisten liegt an einer bloßen Einzelrepräsentation, sie agieren als dichterisch-musikalisches Duo, das zusammen einen neuen, klingenden Sinn erschafft.
Der schwermütig-poetische Schami-Ton
„Abbara“ nennt sich jene Gasse im christlichen Viertel von Damaskus, in der Rafik Schami aufwuchs. In ihr lebten Araber, Armenier, Turkmenen, Kurden, Palästinenser, Aramäer und andere Volksgruppen friedlich nebeneinander. Dieser Titel ist durchaus programmatisch zu verstehen. Der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami erinnert sich an sein Damaskus; er verwebt orientalische Weisen mit einer seltsam gebrochenen westlichen Distanz. Dies führt zu jenem unverwechselbaren, schwermütig-poetischen Schami-Ton, der sein literarisches Schaffen von Anfang an wie ein roter Faden durchzieht. Selbst seine Kinderbücher, die im Übrigen immer schon Bücher für jedermann waren, sind von dieser tiefen Melancholie geprägt – Schami ist der Erzähler einer farbenfrohen und friedlichen, einer längst untergegangenen Welt.
Diese Welt spiegelt auch der poetische Essay „Damaskus“, der diese CD folgerichtig eröffnet, wider. Der Hörer muss sich allerdings erst an den spezifischen Gestus dieser Einspielung gewöhnen: Schami deklamiert nicht gerade langsam; geradezu enervierend klingen seine melancholischen Kleinode hier. Sommer treibt Schami zusätzlich mit hektisch-diffizilen Beats voran. So ist Schamis Damaskus-Loblied eben auch eine Klangmalerei, die das hektische Treiben der Stadt im musikalischen Dialog einfängt. Schlagwerk und Stimme ergänzen sich, lassen aber stets genug Raum für den Dialogpartner.
Es sind noch einige Geschichten zu erzählen
Schami und Sommer haben sich viel zu erzählen: Märchenhaft-Archaisches („Wie das Echo auf die Erde kam“), verträumt-melancholische Idyllen („Das Gedächtnis der Hühner“) und leider auch Heutiges („Der Gottesstaat“). Vollends zur Musik wird „Abbara“, wenn Schamis Vortragssprache auf Arabisch wechselt und die meisten seiner deutschen Hörer nur noch den Klang und nicht mehr den Sinn der Worte verstehen dürften. Doch gerade hier erwächst ein ungemein starkes Band zwischen Percussion und Wort; hier spürt man, dass man es tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes mit zwei Klangartisten zu tun hat.
Leider hält die CD nicht durchgehend das hohe Niveau dieser Stücke. Dafür sind die Texte nicht homogen genug, dafür kommt einem manches doch zu sehr als Füllmaterial vor. Was beispielsweise die E-Literatur-Satire „Der E-Furz“ in dieser Sammlung zu suchen hat, weiß wohl nur Rafik Schami selbst. Alles in allem bleibt „Abbara“ jedoch eine gelungene Duoaufnahme, die zwei Großmeister ihres Faches im fruchtbaren Dialog zeigt. Auch das Klangbild genügt höchsten audiophilen Ansprüchen. Sommers vielfältiges – oft auch melodieführendes – Schlagwerk erklingt ungemein transparent und akzentuiert. Man darf auf weitere Gemeinschaftsarbeiten von Schami und Sommer hoffen. Sie haben sich sicherlich noch nicht alles gesagt.