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Samstag, 26. Mai 2012 | 01:55

Das Helmut Qualtinger Hörbuch

13.11.2008

Tu felix Austria!

Pünktlich zum 80. Geburtstag des großen österreichschen Kabarettisten Helmut Qualtinger gilt es, diesen Meister des schwarzen Wiener Humors neu zu entdecken. Eine CD mit erlesenen Höhepunkten seiner Karriere erleichtert den Einstieg. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Es gibt Stimmen, die man einmal gehört nie wieder vergisst. Die Stimme Helmut Qualtingers zählt sicherlich zu diesem Typus. Der 1986 gestorbene Wiener gehört zu jenen Kabarettisten, die subtil die Mentalität einer ganzen Nation aufspießen können, um das Grauen des Alltags, die Perversion der Normalität mit wenigen Worten treffsicher auf die Bühne zu bringen. Man könnte ihn also eine Stimme der Vernunft nennen, einen Anwalt der Moral in amoralischen Zeiten. Knurrend und wandelbar verkörpert er die verschiedensten Figuren und Typen, bleibt dabei jedoch stets – vielleicht ein Grund für seinen anfangs eher bescheidenen Ruhm als Schauspieler – Helmut Qualtinger, der vielleicht größte Kabarettist, den Österreich je besessen hat. Der Diogenes-Verlag hat diesem unbequemen Zeitgenossen nun rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag ein schönes – und leider viel zu kurzes – Hörbuch gewidmet, das sich dann auch folgerichtig schlicht „Das Helmut Qualtinger Hörbuch“ nennt. Das geht natürlich in Ordnung so, denn Qualtinger ist seine eigene Marke, egal ob er nun zwei alternde Schauspieler mit grenzenlosem Geltungswahn verkörpert oder fremde Texte so packend liest, als wären es seine eigenen.

Die geheimen Perversionen des kleinen Mannes

Künstlerische Höhepunkte hat es in seiner Karriere etliche gegeben und viele davon finden sich auch auf dieser von Daniel Keel und Daniel Kampa umsichtig zusammengestellten CD wieder. So trifft man hier selbstverständlich auf Qualtingers wohl erfolgreichste Figuren – auf Travnicek und Herrn Karl. Während Travnicek, der verschlagene Schildbürger, mit seiner dezidiert wienerischen Version der sokratischen Unwissenheit die Mechanismen der österreichischen Gesellschaft entlarvt, skizziert Qualtinger mit Herrn Karl das detailgetreue Bild des kleinen schmierigen Mitläufers, dessen xenophobe Ader den Lauf der Zeiten überdauern wird.

„Dann is eh da Hitler kummen. (...) Samma olle. Na, i waaß no. Am Ring und am Heldenplatz gstanden. De Polizistn mit de Hakenkreuzbinden - Fesch! Furchtbar, furchtbar, ein Verbrechen, wie diese gutgläubigen Menschen in die Irre geführt wurden!!“

Qualtingers Aufmerksamkeit gilt dem kleinen Mann, dem Otto-Normal-Bürger mit all seinen Ängsten und geheimen Perversionen. Dies macht sein Werk zu einer schmerzhaften Begegnung mit gut gehegten Vorurteilen, vor denen die meisten von uns nicht gefeit sein dürften.

Hausmaus zu Hausmaus

Noch mehr blüht der Schauspieler Qualtinger aber im Lesen fremder Texte auf. Neun Ausschnitte aus seiner Lesung von Karl Kraus monumentalem Bühnenstück „Die letzten Tage der Menschheit“ bietet uns dieses Hörbuch – und es hätten gerne noch mehr sein dürfen. Hier, im Angesicht des größten österreichischen Sprachkritikers aller Zeiten, entfaltet sich Qualtingers phänomenale Stimmenkunst. Die verschiedensten Rollen erfüllt er mit Leben, das Überzeichnete, Hektische dieser beißenden Anklageschrift bringt er vorzüglich zur Geltung. In diesen Einblicken in die Abgründe des Ersten Weltkriegs ist Qualtinger tatsächlich nahe an dem Übervater Karl Kraus – sie teilen eine Vorliebe für das zutiefst verzweifelte Lachen über die Bestialitäten dieser Welt. Erschreckend konsequent endet dann auch dieses Hörbuch und lässt uns in tiefer Bestürzung zurück. Wir hören die Worte Adolf Hitlers; Worte, deren Verblendung doch so offensichtlich sein müsste. In Qualtingers epochaler Lesung der Programmschrift „Mein Kampf“ manifestiert sich die ganze Absurdität der nationalsozialistischen Hetzlehre:

„Jedes Tier paart sich nur mit einem Genossen der gleichen Art. Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, der Wolf zur Wölfin und so weiter.“

Qualtinger schreit diese Worte geradezu heraus. Er macht den Hass und den Fanatismus dieses bedrückend absurden Analogieschlusses aus der Tierwelt fühlbar. Und wir lachen – lachen, weil uns nichts anderes mehr übrig bleibt, auch wenn es schwer fällt. Für dieses Gefühl kann man den großen Kabarettisten Helmut Qualtinger gar nicht genug ehren. Das Qualtinger Hörbuch macht hier einen Anfang.

 

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