Stefan Zweigs Sternstunden der Menschheit ist eine Sammlung von 14 historischen Miniaturen, die mittlerweile zu den klassischen Werken der Weltliteratur zählen und auch heute noch viele Leser begeistern – auch oder gerade weil sie etlichen Lesern vom eigenen Deutschunterricht her bekannt sein dürften. Diese heute oft allzu pathetisch wirkenden historischen Begebenheiten, deren Auswirkungen die Geschichte der Menschheit verändert haben, strahlen trotz allem in einem eigenen, verführerischen Glanz. Stets geht es in den vorwiegend als Novellen angelegten Geschichten um kurze Zeiträume, um Tage, Stunden, manchmal Minuten, in denen Entscheidendes geschieht – in denen also buchstäblich Geschichte gemacht wird. Ein einziger Augenblick kann alles entscheiden, „ein einziges Ja, ein einziges Nein, ein Zufrüh oder ein Zuspät macht diese Stunde unwiderruflich für hundert Geschlechter und bestimmt das Leben eines Einzelnen, eines Volkes und sogar den Schicksalslauf der ganzen Menschheit.“
Von Helden und Versagern
Dabei konzentriert sich Zweig auf heroische Taten oder Unterlassungen, etwa auf Balboas wagemutigen Entschluss, als erster Europäer den Pazifik zu sehen. Zweig schildert auch die folgenschwere Rückkehr Lenins nach Russland in einem versiegelten Zug oder den künstlerischen Triumph Georg Friedrich Händels. Er zeigt jedoch immer auch grandioses Scheitern, wie etwa General Grouchys Fehlentscheidung vor Waterloo, die Napoleons Niederlage begründet, Robert Scotts fehlgeschlagene Südpol-Expedition oder die Umstände der Eroberung von Byzanz. Dabei spielt es keine große Rolle, ob die geschilderten Schicksals- und Zeiträume nun tatsächlich historisch korrekt oder mehr oder minder erfunden sind. Geschichte bleibt, neben den harten Fakten, ohnehin immer auch Fiktion. Entscheidend ist die herausragende, dramaturgisch wie emotional geballte Schilderung von faszinierenden Charakteren – Helden und Versager, die in diesen wirkmächtigen Sternstunden lebendig und einmalig werden.
Ein Glücksfall!
Man muss von einem großen Glücksfall sprechen, dass sich zu der faszinierenden Vorlage, ein ebenso faszinierender Sprecher hinzugesellt. Jürgen Hentsch, der seit mehr als 35 Jahren in Film- und Fernsehproduktionen spielt und etwa in "Der Totmacher" oder im Fernsehfim "Die Manns" (wofür er 2002 den Grimme Preis bekam) zu sehen war, überzeugt nämlich ebenso sehr wie die literarische Vorlage. Mehr noch: Immer dort, wo der Text zur Pathetik neigt, nimmt er ihm sprachlich die Spitzen und erleichtert die Einfühlung durch ein gewisses Maß an Sachlichkeit und Distanz, so dass der Text an Glaubwürdigkeit und emotionaler Kraft gewinnt. Die Dichte und Ausgewogenheit von Jürgen Hentschs Sprechweise und Artikulation verstärken den einmaligen und erlesenen Hörgenuss. Aus den Sternstunden der Menschheit werden somit buchstäblich Sternstunden des Hörens.