Es scheint eine der Produktionen des vergangenen Jahres zu sein: Heinrich Breloers Thomas-Mann-Adaption „Die Buddenbrooks. Ein Geschäft von einiger Größe“. Für die audiovisuelle Auswertung wurden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Zusammen mit dem Kinofilm wurde eine zweiteilige Fernsehfassung mit abgeliefert und entstanden ist – eine so genannte Amphibienproduktion. Von zuviel Fernsehästhetik im Kino ist da die Rede, sowie umgekehrt von zuviel Kinoästhetik im Fernsehen. Und schon entspinnt sich die Diskussion um zwei Medien, die in Konkurrenz miteinander stehen und doch aufgrund ihrer jeweiligen Produktions- und Rezeptionsbedingungen ihre eigenen Werkästhetiken aufweisen.
Als dritter Clou ist nun zu allem Überfluss auch noch eine Hörspielfassung erschienen. „Die Buddenbrooks“ als 140-minütiges Hörerlebnis auf zwei CDs. Der Regisseur Heinrich Breloer selbst setzte mit seinem Co-Autor Horst Königstein den Film als Hörspielfassung um. Die Originalstimmen des Films – u.a. mit Amin Mueller-Stahl, Jessica Schwarz, August Diehl, Mark Waschke und Iris Berben – wurden durch einen von Friedhelm Ptok gelesenen Erzählerpart ergänzt.
Eine schöne Geschichte mit sanfter Dramatik
Kurz zum Inhalt: Die Familie Buddenbrook lebt im Lübeck des 19. Jahrhunderts. Jean Buddenbrook ist Inhaber eines erfolgreichen, im Ostseeraum international agierenden Getreidehandels. Seiner Familie kann er ein finanziell sorgloses Leben bieten. Seine drei heranwachsenden Kinder tragen die Last der Tradition und die des zu erwartenden Erbes. Ihre Lebensentwürfe oder Lebenswege stehen nicht selten im Gegensatz zum familiär gewollten oder gesellschaftlich zulässigen Habitus. Durch kaufmännische Missgeschicke und innerfamiliäre Konflikte beginnt langsam das vermeintlich tragende Gerüst des Familienverbundes zu bröckeln und endet schließlich in deren Auseinanderbrechen.
Jene Handlungsstränge und Personen, deren Kürzungen für die Verfilmung unerlässlich waren, fehlen auch in der Hörspielfassung. So konzentriert sich die Handlung des Hörspiels auf das Leben der Geschwister Antonie, Christian und Thomas Buddenbrook.
Herausgekommen ist eine in der Erzähltradition des klassischen Erzählhörspiels stehende Produktion. Der auktoriale Erzähler führt die handelnden Personen ein, beschreibt diese sowie auch Gegebenheiten, Orte und Handlungen. Es ist ein Hörspiel mit wenig Raffinesse, dafür aber solide und übersichtlich strukturiert. Eine schöne Geschichte mit sanfter Dramatik, der man als Zuhörer leicht folgen kann. Das Eintauchen, das Sich-mitreißen-lassen, das Fortgetragenwerden in akustische Räume gelingt dem Zuhörer jedoch nur kaum bis gar nicht. Rauschende Kleider, einige Naturgeräusche und Musik veranschaulichen das Set. Am Ende ist man im Bilde über die Figuren, ihre Charaktere, die jeweilige Konstellation und ein bißchen auch – dem Erzähler sei dank – über Sehnsüchte und Zweifel. Die Erzählstimme dient ausschließlich dem Erklären der Handlung, denn ohne sie würden die Figuren – sie sind und bleiben eben „nur“ die Tonspur eines Films – in der Handlung verloren gehen.
Ein Hörspiel mit maximaler Gewinnspanne
Man kommt nicht umhin zu denken, dass hier die Tonspur des Films um einen Erzähler erweitert wurde, um das Resultat als Hörspiel deklarieren zu können – und zwar zum Zwecke der maximalen „Gewinnerwirtschaftung“, die eine Mehrfachverwertung eben einschließt. Nur geht dabei die dem Hörspiel eigene Ästhetik verloren, die dem akustischen Erzählen den Vorrang gibt und mit ganz eigenen Stilmitteln arbeitet – sofern man das denn will. Selbst die Berücksichtigung technischer Gegebenheiten wie Stereophonie, Mischung, Schnitt bzw. die vielfältigen Möglichkeiten einer variablen Positionierung der Figuren im Raum kommen hier nicht zur Geltung.
Es sind gerade die Raffinessen gegenwärtiger Hörspielproduktionen – Ellipsen, Verdichtungen, akustische Raum- und Erzählebenenwechsel, Auslassungen und vieles mehr –, die das Genre derzeit aufblühen lassen. Wer also große Literatur als zeitgemäßes Hörspiel hören will, ist beispielsweise mit Leonhard Koppelmanns Bearbeitung von Jules Vernes "Die Reise zum Mittepunkt der Erde" (MDR/RBB 2005) weit besser beraten als mit der Drittverwertung der Buddenbrooks.