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Samstag, 26. Mai 2012 | 01:58

Harry Rowohlt liest Serhij Zhadans "Depeche Mode"

12.02.2009

Tief in der Tristesse

Harry Rowohlt und osteuropäische Literatur, das passt zueinander wie Depeche Mode und irische Volksmusik. In Serhij Zhadans jetzt als Hörbuch erschienenem Roman trifft zusammen, was sich eigentlich abstößt. Von SIMONE UNGER

 

Sein Name fällt in einem Atemzug mit Jury Androchuwitsch und Andrej Kurkow. Er gehört nicht nur zu den bekanntesten Autoren der Ukraine, sondern auch zu den jüngsten: 1974 geboren, beschreibt Serhij Zhadan in seinem Roman das jugendliche Lebensgefühl Anfang der 90iger, irgendwo im brachen Hinterland der Ostukraine, wo es außer billigem Wodka nichts zu holen gibt, tut der Exzess sein Übriges: Tief in dieser postkommunistischen Tristesse führen alle Wege immer in irgendein Delirium.

Zhadan, der Ich-Erzähler, ist knapp unter 20. Zusammen mit ein paar anderen Jungs haust er in einem Wohnheim in Charkiw, einem Grenzort in der Ostukraine. Es ist Frühsommer und regnet. Die Jungs haben viel Zeit und wenig Mittel sie zu füllen. Voll mit Ungewissheit und Alkohol durchzechen sie Tag und Nacht, saufen und kotzen im Wechsel und reden allenfalls über Frauen. Mitten in die Dämmertage exzessiver Langeweile platzt plötzlich ein Fremder. Er sucht Sascha - sein Stiefvater hat sich erschossen. Er soll nach Hause kommen zur Beerdigung.

Sexy Trostlosigkeit

Wie der Alkohol das Zeiterleben der Protagonisten strukturiert, so ist auch jede Geschichte von ihm durchdrungen – wie leere Wodkaflaschen reihen sich die Episoden aneinander. Es geht zu Schmuggelzwecken nach Russland und wieder zurück. Statt Sascha finden die Jungs erst einmal andere Menschen, zum Beispiel Tschapa, der in einem verfallenen Industriegelände wohnt und kommunistische Pamphlete liest, der Grasdealer Jurek oder Kakao, der fettleibige Schleimer, der als einziger von Saschas Aufenthaltsort weiß. Doch bevor sie die Reise fortsetzen, hören die beiden im Radio eine Sendung über ihre Lieblingsband Depeche Mode, die der Moderator als irische Volksmusikgruppe präsentiert. Und da platzt Wasja der Kragen: „Es nimmt kein gutes Ende, weil ich mir nichts Gutes vorstellen kann, wir tasten uns vorwärts wie Zitterrochen unter Wasser und glauben selbst nicht, dass wir wirklich irgendwohin müssen.“

Je trostloser das Leben ist, umso skurriler wird es, zumindest bei Zhadan. Aus dem Lost-Generation-Sumpf entwickelt er ein Szenario, in dem die allgemeine Katerstimmung so attraktiv erscheint, dass man als Hörer fast neidisch werden könnte auf so viel Lethargie. Zhadan entwirft ein skurriles Roadmovie, bei dem das Ziel der Reise nur ein Vorwand ist, um darin eine Fülle von abstrusen Geschichten unterzubringen. Der Roman ist als chronologische Notizensammlung aufgebaut, in der sich innere Monologe, Dialogfetzen und Beschreibungen mischen. Trotz dieser chaotisch anmutenden Form kann man diesem Mosaik auch als Hörbuch ohne Mühe folgen. Dennoch würde man sich manchmal etwas mehr Abwechslung wünschen, ja vielleicht sogar Musik.

Die volle Dröhnung


Als wolle er sich selbst überbieten, fährt Harry Rowohlt alles auf, was er an stimmlicher Vielfalt zu bieten hat. Besonders in der Rolle der Dolmetscherin für einen amerikanischen Priester entfaltet Rowohlt ungeahnte Qualitäten. Er fiepst, als hätte er Helium inhaliert. Seine Stimme ist stellenweise so präsent, ja überpräsent, dass der Hörer statt der ostukrainischen Provinzjugend plötzlich bärtige Männer mit exaltierter Gestik vor sich stehen sieht - in dieser Idylle aus absoluter Trostlosigkeit und reinem Wodka.

 

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