Irgendwo an der Schnittstelle von klingendem Feuilleton und kulturhistorischem Hör-Essayismus bewegen sich traditionell die Hörbücher aus dem Hause Silberfuchs. Auch die Hörbiographie des großen Barock-Komponisten Georg Friedrich Händel – George Frederic Handel, wie er in seiner Wahlheimat London gerufen wurde – bildet da keine Ausnahme. In der Reihe „Leben in der Musik“ bringen Corinna Hesse und Dietmar Mues nun Händels Vita zum Klingen. Das Hörbuch orientiert sich strukturell an Händels durchaus bewegter Biographie. Vom beschaulichen Geburtsort Halle aus geht es in die florierende Handelsmetropole Hamburg, nach Rom – also in die Hauptstadt der Oper – und schlussendlich nach London, wo Händel dann auch 1759 mit höchsten Ehren in der Westminster Abbey beigesetzt wird.
Doch statt einer rein biographischen Nacherzählung seiner Lebensstationen stützt sich Corinna Hesses kluger Text vor allem auf die Libretti seiner Opern bzw. auf die Texte seiner unsterblichen Oratorien. So schafft es das Hörbuch, aus der rigiden Enge des Biographismus auszubrechen und den Hörer mit auf eine Reise ins Herz des Händelschen Schaffens zu nehmen. Werk und Leben werden so erzählerisch ineinander verschränkt – jedoch ohne allzu plumpe Analogieschlüsse daraus zu ziehen.
Die Opernaktien
Der Schauspieler und Rezitator Dietmar Mues trägt jene Passagen mit lyrischer Grandezza und ohne falsche Scheu vor Pathos vor. Denn pathetisch, das sind jene kleinen und großen Kompositionen Georg Friedrich Händels zweifelsohne. In stilisierter Form führen sie allgemeinmenschliche Emotionen zu einer exemplarischen Höhe des Ausdrucks. Dies ist jedoch nicht nur Händels ureigene künstlerische Konzeption, sondern auch ein geschickter Marketing-Trick: Händel gibt dem Volk, was es will. Er etabliert die italienische Oper in England, prägt das englische Oratorium maßgeblich und führt seine eigene Operngesellschaft.
Nicht umsonst sind es gerade die blühenden Handelsstädte des 18. Jahrhunderts, Hamburg und London, die Händels Dienste schätzen und die umgekehrt Händel selbst aufgrund ihrer mannigfaltigen Möglichkeiten auf der Suche nach breiter Anerkennung ansteuert. Hinter dem großen Künstler steckt auch ein großer Geschäftsmann. Hesse arbeitet gerade jene kulturhistorisch spannenden Zusammenhänge scharf heraus und kann sich dabei eines zumindest auditiv zu erahnenden süffisanten Lächelns nicht enthalten, wenn sie Mues beispielsweise aus einer zeitgenössischen Theaterzeitung rezitieren lässt: „Bei der Probe am vergangenen Freitag übertraf Signor Nihilini Beneditti seine bisher gekannte Tonhöhe um einen Halbton. Die Opernaktien standen auf 83einhalb als er begann, und auf 90, als er endete.“
Der Meister von uns allen
Doch gerade in den späten religiösen Werken taucht eine Kraft in Händels Musik auf, die jene merkantilen Interessen weit hinter sich lässt: Es ist der unbedingte Glaube an die Musik, jener starke Wille, das Sakrale hinter dem profanen Instrumentarium aufzuspüren, aus Holz und Stimmen Allegorien des Himmlischen zu machen.
Bestürzt und tief berührt murmelt dann auch Joseph Haydn Jahrzehnte nach Händels Tod anlässlich einer Aufführung des Messias: „Er ist der Meister von uns allen.“ Händel durchlebt in seiner Karriere Höhen und Tiefen, Ehren von unfassbarem Ausmaß und Spott in immensen Dimensionen. Seine Musik bleibt davon unberührt, sie wächst gleichsam mit ihm. Wer diesen Weg von der Geburt in Halle bis zur letzten Ruhe in der Westminster Abbey in unterhaltsamen und gelehrten 80 Minuten nachvollziehen will, der kommt am „Händel-Hörbuch“ nicht vorbei.
Einen kleinen Kritikpunkt kann der geneigte Rezensent jedoch nicht verhehlen: Zwar ergänzen sich Text und Musik in diesem Hörbuch auf vorbildliche Art und Weise, etwas längere musikalische Passagen würde man sich jedoch trotz allem wünschen. Diesen Mangel sollte man aber nach dem Genuss dieser 80 Minuten beim CD-Händler seines Vertrauens recht schnell beheben können ...