Man nehme einen kanonischen, aber weithin eher wenig gelesenen Text der Weltliteratur, einen hervorragenden Schauspieler als Sprecher und mische diese Zutaten kräftig durch mit der Musik einer der besten Weltmusikformationen Deutschlands. Heraus kommt – trotz der nahezu idealen Ausgangslage – leider kein neuer Klassiker des Hörbuchgenres. Julia Schölzek und Mulo Francel haben Goethes „Italienische Reise“ aus einer dunklen Ecke ihres Bücherregals hervorgeholt und zusammen mit Ulrich Tukur und Quadro Nuevo aus Goethes Reiseautobiographie zwei flotte CDs, randvoll mit Text und Musik, gemacht. Doch trotz allem mag der Funke beim Hörer nicht so Recht überspringen. Dies ist durchaus rätselhaft, denn eigentlich scheint alles zu stimmen: Tukurs Stimme verfügt über ein großes Register, von Pathos über Melancholie bis hin zu sanfter Ironie ist hier alles zu finden. Quadro Nuevo verleihen dem Unterfangen italienisches Flair, sie laden zum Tanz und servieren uns sowohl pure südländische Lebensfreude als auch sanfte Wehmut. Die Aufnahmetechnik ist brillant, hier wird höchsten audiophilen Ansprüchen Genüge geleistet. Zudem tragen Ulrike Kriener und Frank T. Zumbach zeitgenössische Kommentare zu Goethes Reise bzw. zu Italien vor.
Das Erbe der Grand Tour
Warum also stellt sich spätestens nach einer Stunde eine gewisse Ernüchterung ein? Dies mag zum einen sicherlich an der Vorlage liegen. Selbstverständlich sind Goethes Reiseaufzeichnungen ein hoch bedeutendes Dokument der weit zurückreichenden Tradition der „Grand Tour“, der obligatorischen Bildungsreise junger adeliger oder zumindest vornehmer Männer. Goethes Resietagebuch und seine Briefe sind ein spannendes Experiment mit der eigenen Erwartungshaltung. Der Blick auf das Andere ist hier so stark von den eigenen Vorkenntnissen geprägt, dass Goethes Bildungsreise, unter dem bürgerlichen Decknamen Johann Philipp Möller, eigentlich von Vornherein zum scheitern verurteilt ist. Doch dieses Protokoll eines Schwärmers, eines Träumers lebt und atmet in der redundanten Maschinerie der Wiederholung, in der fast schonungslosen Suche nach dem Wesen des Selbst im Alltag des Anderen. An dieser Grundtendenz des Textes kann auch Goethes nachträgliche Selbststilisierung in der Kompilation der Briefe und Tagebucheinträge drei bis vier Jahrzehnte nach der tatsächlichen Reise nichts ändern. Die hier getroffene Textauswahl macht jedoch aus dem mit Brüchen beladenen Text eine geradewegs sakrosankte Ansammlung poetischer Exzerpte – doch eben dies ist Goethes „Italienische Reise“ nicht.
Falsche Ehrfurcht vor dem Klassiker
Dieses grundsätzliche Missverständnis zieht sich wie ein roter Faden durch die 108 Minuten des Hörbuchs, das dann auch nahezu folgerichtig nicht mit Goethes Reiseaufzeichnungen, sondern mit Mignons Lied beginnt: „Kennst du das Land, in dem die Zitronen blühen?“. Die Regie trägt des Ihrige dazu bei, aus dieser grundsätzlich ehrfürchtigen Haltung dem Weimarer Giganten gegenüber ein zahmes Hörbuch zu machen. Zwar gewährleisten die zeitgenössischen Kommentare immer mal wieder kleinere Unterbrechungen des Goetheschen Duktus – und liefern dabei auch durchaus einige bösartige Spitzen –, grundsätzlich jedoch wahrt die Regie würdevolle Distanz zu Goethes Text. Sie arbeitet nicht mit dem Text, sondern für seinen Autor.
Quadro Nuevos zum Teil wunderbare italienische Folklore-Begleitung mit jazzig angehauchter Brillanz wird zu einer musikalischen Stimmungsanzeige für Goethes Aufzeichnungen degradiert. Flüchtige Beobachtungen können so durch tief-lyrische Untermalung zu allgemeinen Weltweisheiten mutieren. Was die „Italienische Reise“ jedoch gerade so besonders macht, ist, dass hier Banales neben scharf Beobachtetem steht, Persönliches neben Epochalem. Selbst der alte Goethe hat den ursprünglichen Duktus der Aufzeichnungen weitgehend erhalten.
Doch die Regie macht daraus einen allseits gewichtigen Einheitsbrei. Tukur trägt zumeist bedeutungsschwer vor, Quadro Nuevos unbestreitbare Stärken in leisen, melancholischen Miniaturen führen im Zusammenhang mit dem Text zu seltsamen Bedeutungsverschiebungen. Man könnte dies alles wohlwollend einen Verfremdungseffekt nennen, nach dem Motto: Wo ein Klassiker draufsteht, sollte schließlich auch etwas Klassisches drin sein.
Aber verstehen wir uns nicht falsch: Wer eine durchaus unterhaltsame Einführung in Goethes „Italienische Reise“ sucht, eine klingende Einstimmung auf den nächsten Kulturtrip in den Süden oder gar italienisch inspirierten weltmusikalischen Jazz mit poetischen Einschüben, der macht mit dieser aufwändigen Bearbeitung der Goetheschen Reiseaufzeichnungen garantiert nichts falsch. Wer aber einen klassischen Text, der auch heute noch genügend autobiographischen Sprengstoff enthält, um zu fesseln und zu irritieren, neu entdecken will, der wird hier nicht auf seine Kosten kommen.