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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:00

Urban Priol: Die Box

23.07.2009

Hochgeschwindigkeitskabarett

Urban Priol legt mit der „Box“ seine Soloprogramme aus den Jahren zwischen 1997 und 2005 vor - eine kurze persönliche Geschichte des politischen Kabaretts. Von JÖRG AUBERG

 

Aus den „filigranen Tiefen des Spessarts“ stieg Urban Priol nach der Jahrtausendwende in die Höhen der deutschen Spasskultur auf und hat es inzwischen zusammen mit seinem Anstaltsgenossen Georg Schramm auf Platz 14 der Vanity-Fair-Liste der „100 wichtigsten Deutschen“ geschafft.
Anders als viele Kabarettisten absolvierte Priol kein Lehramtsstudium, sondern richtete sich sofort nach dem Abitur auf der Kleinkunstbühne ein und agiert seither sowohl als vielfach ausgezeichneter Akteur auf der Bühne wie auch als Manager des Hofgarten-Kabaretts in seiner Heimatstadt Aschaffenburg. Äußere Markenzeichen sind seine bunten Hemden und seine pumuckelhafte Frisur wie auch seine Art des „dialektisch“ versetzten Hochgeschwindigkeitskabaretts, in dem er stakkatohaft eine Kritik der Alltagskultur mit einer des politischen Betriebes verknüpft. „Priol … fällt – ohne Punkt und ohne Komma – von einer Geschichte in die nächste“, beschreibt ihn der Kabarett-Spezialist Volker Kühn treffend in seiner Anthologie „100 Jahre Kabarett“, „parodiert und reflektiert, führt Rollen vor und liefert Berichte aus aller Welt und hauptsächlich natürlich aus der Bundesrepublik ...“

Das Private ist das Politische


Mit „Urban Priol: Die Box“ legt Priol selbst eine kleine Geschichte seiner Kabarett-Vergangenheit vor. In der „Box“ sind Mitschnitte seiner vier Soloprogramme „kwittung bitte“ (1997), „Stimmt so“ (2000), „Alles muss raus“ (2001) und „Täglich Frisch – update (2005) versammelt, die sowohl seine Entwicklung als Kabarettist als auch die politische Geschichte – vom Ende der Kohl-Ära über das rot-grüne Intermezzo bis hin zur Regentschaft Angela Merkels – dokumentieren. Auf dem Cover seines ersten Programms erscheint er äußerlich noch als grauer, glatthaariger Sonderling der späten Neunziger, während er sich in den Folgejahren bezüglich seines Outfits und seiner Frisur zunehmend stilisiert. Anfänglich dominiert noch die kritische Auseinandersetzung mit Ausprägungen des Alltagslebens wie den Tücken der Technik in Form von Mobiltelefonen und Navigationscomputern oder der spießbürgerlichen Verwahrlosung des Fernsehens, die sich in Vorabend-Serien wie „Forsthaus Falkenau“ (die als „Running Gag“ alle Programme durchzieht) manifestiert. In späteren Programmen nähert sich eher dem politischen Kabarett an, obgleich er stets das Private mit dem Öffentlichen vermengt.

Narben des Dialekts


Im Gegensatz zu Kabarettisten wie Matthias Deutschmann, Richard Rogler oder Georg Schramm verfügt das Kabarett Priols über keinen Handlungsfaden oder ausgearbeitete Charaktere wie etwa Schramms traurige Figur des von der Geschichte beiseite gefegten alten Sozialdemokraten August oder Roglers Mitläufer Kamphausen. Stattdessen tigert er in verschiedenen Rollen über die Bühne, in denen er von den „Narben des Dialekts“ (Theodor W. Adorno) entstellte Figuren aus den Regionen der bundesrepublikanischen Barbarei (die sich an den Stammtischen und anderswo tummeln) ans Licht der Öffentlichkeit zerrt und dekuvriert. Ähnlich verfährt er in seinen Parodien der einschlägigen Politiker wie Helmut Kohl, Gerhard Schröder oder Angela Merkel, die erst im Laufe der Programme und der zunehmenden Professionalisierung des kabarettistischen Kritikers an Farbe und Schärfe gewinnen und über die bloße Zurschaustellung der jeweiligen Charaktermaske hinausgelangen.

Kerngeschäft des Kabaretts


„Mit dem Etikett Hofnarr hat der Aschaffenburger Kabarettist keine Probleme“, heißt es in einem Beitrag des Bayrischen Rundfunks über den „Freidenker der Nation“. Während die politischen Kommentare weiterhin Sigmund Gottlieb überlassen werden, darf der Narr gegen die Kanzlerin Angela Merkel ätzen, deren Zähigkeit und Machtwillen er unterschätzt. Aber damit bietet sich weiteres Material für neue Programme, mit denen der kabarettistische Unternehmer seinen Lebensunterhalt bestreiten und sein Kerngeschäft betreiben kann.

 

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