Weil eine alte Hörspielfassung nicht mehr auffindbar war, produzierte der NDR für seine Sendereihe mit dem Titel „Jugendsünden“ kurzerhand eine neue. Dies ist ohne Zweifel ein historischer Verlust: Ein Stück Hörspielgeschichte wird nie wieder die gespannten Ohren eines auditiv interessierten Publikums erreichen wird – doch offensichtlich kann nur so Neues entstehen. Und in diesem Fall ist es ein Glück, denn mit der neuen akustischen Fassung nach dem Klassiker von Thomas Mann ist ein spannendes und frisches Hörspiel entstanden, bei dem der Zuhörer seine Ohren weit öffnen kann und sollte. Der neue Krull strotzt nur so vor einfallsreichen Details.
Barnaby Metschurat spricht Felix Krull mit feinem Charme und Witz. Als Zouzou ist Frederike Kempter und als Professor Kuckuck Peter Fricke zu hören. Mit Freuden lässt sich Gerd Baltus als Schimmelpreester und Klaus Herm als Stabsarzt lauschen. Die Musik von Jan Peter Pflug fügt sich stimmig in die Konzeption des Hörspiels ein. Sie korrespondiert wunderbar mit der Erzählweise und den Stimmen der Sprecher und unterstreicht die Ironie des Mannschen Textes.
Kleine Schule der Hochstapelei
Es ist ein immenses Talent, was Felix Krull besitzt. Besser gesagt, für sich zu nutzen weiß. Schon als Kind gelingt es Felix Krull seine Mitmenschen hinters Licht zu führen, um sich das Leben zu versüßen. Anfangs geht es dabei lediglich um das Erschleichen einer Befreiung vom Unterricht. Er findet jedoch Gefallen an den Vorzügen seiner Gaunereien und nutzt alle Gelegenheiten seine Fähigkeit zu professionalisieren. Krull geht es dabei nicht um den Betrug an sich. Das wäre diesem charmanten und wohlgefälligen Jüngling zu plump und ziemte sich nicht. Bei Krull steht eine Philosophie dahinter.
Ein Theaterbesuch des 14-jährigen Knaben gewährt ihm Einblick in die Kunst der Täuschung. Diese Erfahrung – zusammen mit dem richtigen Gespür, Glück und Dreistigkeit – bestimmt von nun an sein Vorgehen und zahlt sich für ihn aus. Es folgen amouröse Abenteuer, kleine Liebeleien, Diebstähle, Hehlerei, und das Spiel mit falschen Identitäten, mit denen er seinen Lebensunterhalt – recht großzügig – bestreiten kann. Krull spielt. Er spielt mit dem Leben und den Zufällen.
Mannsche Ironie für die Ohren
Die Chronologie des Textes von Thomas Mann wurde zu Gunsten einer elliptischen Erzählweise mit Rückblenden bzw. Vorgriffen aufgehoben. Das Hörspiel beginnt mit der Musterungsszene und führt von hier aus episodenhaft in Krulls Kindheit, bevor die Handlung in den Jugendjahren fortfährt. Auch, wenn nur ein geringer Teil des Originaltextes Eingang in die Hörspielfassung fand, so entsteht doch ein rundes Bild von Krulls Erlebnissen und Eskapaden. Regisseur und Bearbeiter Sven Stricker arbeitet gekonnt mit der akustischen Raumgestaltung und der Figurencharakterisierung. Das Ohr verlangt nach Abwechslung, und die bekommt es durch eine hohe Schnittfrequenz, Wechsel in der Akustik und den Erzählebenen. Die akustischen und inhaltlichen Finessen bescheren dem Zuhörer Freude beim Hören und fesseln die Aufmerksamkeit. Es macht einfach Spaß dieser raffinierten und pointierten Umsetzung mit ihren vielen Details zu lauschen.