Paradiesvogelschiß
Noch kurz vor seinem Krebstod hat Rühmkorf Gedichte seines letzten, am 1. April 2008 erschienenen Gedichtbands „Paradiesvogelschiß“ aufgenommen – eine Arbeit, die dem unheilbar Kranken einen letzten Auftrieb verschafft hat. Das ist zu hören und wird berichtet auf dem akustischen Lebensabriss, zu dem die Publizistin Charlotte Drews-Bernstein einen illustren Kreis von Zeit- und Lebenszeugen versammelt hat. Prominente Freunde wie Günter Grass, Verwandte und Freunde aus der Kindheit in Otterndorf und Warstade, Rühmkorfs Witwe Eva – sie alle zeichnen entspannt plaudernd ein so anrührendes wie unterhaltsames Lebensbild des Dichters, der seinerseits mit Gedichten, Interviewauszügen und seinen erhellenden Vorträgen zu Wort kommt.
Für Einsteiger ist das tatsächlich eine ideale „Einführung in Leben und Werk“, für Kenner ein Füllhorn an Anekdoten und intimen Einblicken. Sie bestätigen, was man immer schon wusste oder zu wissen meinte: dass dieser Peter Rühmkorf nicht nur ein so ungemein begnadeter Dichter war, sondern auch ein wunderbarer Mensch und Freund, „den Frauen sehr zugeneigt“, ein „außergewöhnlicher Mann“. „Zwischen Freund Hein und Freund Heine“ tanzte er auf dem Hochseil der Sprache wie kein Zweiter: Nicht nur ein Stilist von Gnaden, sondern ein Menschheitssänger, dessen betörendste Gedichte, mal elegisch, mal kokett, in magische Worte fassen, was uns Sterbliche quält, und dem Leiden unter den Gebrechen der Welt und unserer Vergänglichkeit eine barocke Diesseits-Lust entgegenstellen: „Eh sich die Welt zur Nachwelt verdüstert, / sieh sie dir an!“